Von faulen Krediten und toten Ratten: Bühnenstück „Das Himbeerreich“

Von: Günter H. Jekubzik
Letzte Aktualisierung:
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Andres Veiels „Himbeerreich“ mit Katja Zinsmeister, Benedikt Voellmy, Karsten Meyer, Torsten Borm, Tim Knapper (von links) in der Kammer Aachen. Foto: Marie-Luise Manthei

Aachen. Am Anfang war das Wort. Und gleich eine ganze Menge davon, nämlich mehr als 1500 Seiten Protokoll, die der Bühnenautor und Dokumentarfilmer Andres Veiel bei Gesprächen mit 25 deutschen Spitzenbankern protokollierte und dann vernichtete, nachdem er daraus sein Bühnenstück „Das Himbeerreich“ destilliert hatte. Regisseurin Bernadette Sonnenbichler gelingt es in ihrer Aachener Inszenierung, die bei der Premiere in der Kammer langen Applaus erhielt, dem sperrigen Thema Bankenkrise Leben einzuhauchen.

Aus den Interviewten wurden nach der Komprimierung auf der Bühne fünf Banker plus Chauffeur: Gottfried W. Kastein (Tim Knapper) ist als Aussteiger besonders kritisch. Niki Modersohn (Benedikt Voellmy) glaubt auch als Verlierer und Blitzableiter der anderen weiter an das System. Bertram Ansberger (Karsten Meyer) hatte vergebens Einspruch einlegt, als sich die Deutsche Bank mit Rückendeckung der Regierung in einer offensichtlich unsinnigen Aktion in eine milliardenschwere Katastrophe manövrierte.

Dr. Dr. hc Walter K. von Hirschstein (Torsten Borm) steht scheinbar souverän über allem, kippt aber alle paar Minuten ein Gläschen Wein. Dr. Brigitte Manzinger (Katja Zinsmeister) zieht unberührt von allem als eiskalte Königin im Spiel um die Milliarden europäischer Bürger ihr Ding durch und genießt das „Torpedo-Gefühl“, wenn der 250 Millionen-Deal funktioniert. Der seit Jahrzehnten diensteifrige Chauffeur Hans Helmut Hinz (Rainer Krause) kommentiert, erklärt die finanztechnischen Fachbegriffe, mit denen die Banker ihre Zockereien verschleiern, und spult auch schon mal in einem der Slapstick-Momente die ganze Gesellschaft per Fernbedienung zurück, wenn der Bank-Sprech sich zu verselbstständigen droht.

Ja, es ist durchaus komisch, das Aachener „Himbeerreich“. Dass man die faulen Kredite der Bad Banks, die mit einer toten Ratte in eine bedenklich qualmende Kiste gepackt wird, förmlich riechen kann, ist nur einer der Kunstgriffe, die eigentlich schwer Fassbares greifbar machen. Durch derartige Ideen gewinnt und gelingt das Stück – im Gegensatz zu Veiels eigener Inszenierung zu Anfang des Jahres am Stuttgarter Staatsschauspiel und am Deutschen Theater in Berlin. Die wurde als reichlich hölzern gescholten. In Aachen wünschte man sich in den eindrucksvollsten Momenten, in denen Bilder, Körper, Sprache, Rhythmen, Text und Gedanken ein faszinierendes Eigenes formen, nur eine größerer Bühne, auf der es mit Tischen und Tafeln ganz schön eng wird (Bühne und Kostüme: Tanja Kramberger).

Sonnenbichlers Inszenierung hat von Anfang an Schwung, und so entstehen aus dem Chor der Stimmen rhythmische und manchmal geisterhafte Echos der verklausulierenden Finanzwelt-Fachbegriffe. Auch sie legt den Schwerpunkt auf den Text und das Schauspiel. Die exzellenten Darsteller meistern dabei den Spagat, gleichzeitig Figuren und ironisierende Begleitmusik zu sein.

Ob der dramatische Verlauf bis zum apokalyptischen Ausblick politisch wirksam sein kann, wird Teil der dem Stück unweigerlich folgenden Diskussionen sein. Die Inszenierung ruft sicher kein spontanes „Empört euch!“ im Geiste des Occupy-Bewegung hervor. Doch das Stück folgt in dieser erlebenswerten Umsetzung Veiels (An-)Satz, dass „Zorn im Gegensatz zur Wut Reflexion voraussetzt“. Dabei hilft dieser sehr lohnenswerte Theaterbesuch in der Aachener Kammer.

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