Von der Leidenschaft, ein Star zu sein

Von: Christian Rein
Letzte Aktualisierung:
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Ist es planbar, ein Star zu sein? Dieter Bohlen behauptet mit seiner Castingshow „Deutschland sucht den Superstar”, dass man nur ein Talent finden muss. Foto: Oliver Schwabe

Aachen. Für Dieter Bohlen muss es eine große Genugtuung sein: Noch ein Nummer-Eins-Hit in der langen Liste der Nummer-Eins-Hits, die er zu verantworten hat. Aber das wusste er natürlich schon vorher.

Sogar noch bevor er als Juror im Finale der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar” mit breitem Grinsen den Daumen in die Höhe gereckt hat, zufrieden darüber, dass sein Favorit gewonnen hat.

Der Favorit, Daniel Schuhmacher, steht nun also mit „Anything But Love”, einer Ballade, die dem schüchternen blonden Sänger auf den Leib geschrieben ist, an der Spitze der deutschen Singlecharts. Mission erfüllt. Superstar.

Oliver Schwabe hat nichts gegen Daniel Schuhmacher, zumindest nicht persönlich. Aber er stellt in Frage, dass Daniel Schuhmacher ein Superstar ist.

Er stellt in Frage, dass er überhaupt ein Star ist. Ein wahrer Star. Was solche Menschen ausmacht, versucht der Filmemacher in seiner Dokumentation „Stardust” zu ergründen.

Und für Gewinner von Castingshows ist darin kein Platz. Am Mittwochabend ist die Collage im Apollo-Kino in Aachen zu sehen.

Der innere Blick

Der Untertitel der Dokumentation lautet „Von der Leidenschaft ein Star zu sein”. Es ist der dritte Film einer Reihe, die für den Norddeutschen Rundfunk entstanden ist und in denen Schwabe sich mit Phänomenen der Jugendkultur auseinandersetzt.

Wie schon für die ersten beiden Teile zu den Themen Revolte und Disco hat er Stunden von Archivmaterial quer durch die Jahrzehnte gesichtet und außergewöhnliche Interviews zutage gefördert.

Beatles-Schlagzeuger Ringo Starr, Stones-Sänger Mick Jagger, Rod Stewart, Udo Lindenberg oder Johnny Rotten von den Sex Pistols erklären, was es bedeutet, ein Star zu sein. Zudem hat Schwabe Gespräche mit der Sängerin Amanda Lear und dem Schauspieler Robert Stadlober geführt.

„Oft denke ich mir: Da bin ich in einem Schlafzimmer rumgesessen mit der vagen Idee, eine Band zu gründen, und ein paar Jahre später ist die gleiche Einstellung unverändert, aber was da alles hinzukam, ist beängstigend. Manchmal denke ich mir: Träum ich das alles?”

So schildert Jim Kerr von den Simple Minds 1983 seine Eindrücke. Die Band spielte damals, nur fünf Jahre nach ihre Gründung ausverkaufte Shows bei einer Welttournee.

Was Schwabes Collage so besonders macht, ist der innere Blick. Schwabe wertet nicht, er lässt erzählen, hört zu und zeichnet so ein vielschichtiges und doch stimmiges Bild.

Die Sequenzen, die er auswählt, zeigen die Protagonisten in intimen Situationen, abseits von Bühnen, zum Teil deutlich nach ihren Karrierehöhepunkten.

„Es war mir wichtig, hinter die Masken zu gucken, wegzukommen von dem Glamour”, sagt Schwabe. Was er zutage fördert sind Erfahrungen, die ähnlich sind: im Umgang mit Fans, im Verlust von Privatheit oder in der Arbeit an sich.

Wasser oder Beton

Robert Stadlober sitzt auf Hallig Hooge auf einem Deich. Als er 15 Jahre alt war, musste er seiner Mutter versprechen, ihr nie einen Vorwurf zu machen. Den Vorwurf, dass sie ihn nicht daran gehindert hat, die Schule zu beenden.

Stadlober erzählt die Geschichte heute, zu einem Zeitpunkt, wo er nicht mehr der Teeniestar ist, zu dem er mit Filmen wie „Sonnenallee” oder „Crazy” wurde. Für diese Karriere hat er alles auf eine Karte gesetzt.

Nur konnte er nicht wissen, ob er auch erfolgreich sein würde. Als „Sprung vom 10-Meter-Brett” beschreibt Udo Lindenberg im Film diese Entscheidung. „Egal ob da unten Wasser oder Beton auf mich wartet.”

Wasser oder Beton. Auch die junge Band MIT aus Köln und Berlin begleitet Schwabe ein Stück weit. Gegründet 2006, ist das Trio vom Star-Status noch weit entfernt. Die ersten Songs wurden im Internet veröffentlicht, mittlerweile gibt es auch das Album „Coda”, doch ihre mittlerweile wachsende Fangemeinde mussten sich MIT erst mit Konzerten erspielen.

„Wir haben früher in Zeitschriften Bands verfolgt, die wir cool fanden”, sagt Sänger Edi D. Winarni. „Wir wollten auch so sein, wir wollten auch in den Magazinen stehen. Heute wollen wir einfach Musiker sein.”

Sein eigenes Ding machen, dass verbindet die Stars in der Dokumentation. Doch Schwabe zeigt auch die anderen Seiten des Ruhms. Ringo Starr erzählt, dass der ruhigste Ort für die Beatles in einem Hotel nicht selten das Badezimmer war.

„Dort hatten wir unsere Ruhe.” Und Amanda Lear, die mit 16 London zog, um Model zu werden und später die Muse des Surrealisten Salvador Dali war, berichtet von der Einsamkeit nach den Konzerten. Von den leeren, fremden Hotelzimmern, in denen niemand Beifall klatscht.

Überhaupt: Amanda Lear. Sie ist Schwabes Beispiel dafür, dass es nicht planbar ist, ein Star zu werden. Lear, die legendenumwobene Discoqueen, die in den 70er Jahren auf einer Party David Bowie traf, der absolut fasziniert von ihr war.

Bowie, so schildert es Lear heute, war derjenige, der sie gerade wegen ihrer ungewöhnlich dunklen Stimme zum Singen animiert hat. „Wenn ich vorher irgendwo hin kam, haben immer alle gesagt, ich soll still sein. Und plötzlich war ich eine Sängerin.”

Trotzdem musste auch eine Amanda Lear es sich gefallen lassen, dass die Bosse ihrer Plattenfirma sie zum Discosound verdonnerten, obwohl sie viel lieber Rockmusik gemacht hätte.

Was macht Stars so faszinierend? Schwabe beantwortet diese Frage nicht entgültig, „weil man sie rational auch nicht beantworten kann”, wie er sagt. Aber eines wird deutlich: Es hat mit Leidenschaft zu tun. Und die kann man nicht lernen.

Filmvorführung am Mittwochabend in Aachen

Der Film „Stardust - Von der Leidenschaft ein Star zu sein” wird am Mittwoch, 10. Juni, im Apollo-Kino Aachen, Pontstraße 141, gezeigt. Um 19.30 wird Filmemacher Oliver Schwabe zunächst eine kurze Einführung geben, die Vorführung startet um 20 Uhr.

Im Anschluss tritt die Band MIT, die Schwabe für „Stardust” interviewt hat, im Autonomen Zentrum, Vereinsstraße 25, in Aachen, auf.

Das Trio aus Köln und Berlin macht Elektro-Punk mit 80er Einflüssen. Später gibt es die Party „Dawn Of The Dance” mit DJ Harald (Superdigital, Hochschulradio).

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