Vollgezeichnet mit Gefühlen: „Armin Mueller Stahl”

Von: Susanne Schramm
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In den Drehpausen zu den „Buddenbrooks” übermalte er die Seiten des Drehbuchs, das Ergebnis ist jetzt in Düsseldorf zu sehen: Armin Mueller-Stahl in seiner Ausstellung im NRW-Forum. Foto: Thomas Brill

Düsseldorf. Kaum ist die Szene abgedreht, landet sie oft schon im Papierkorb. Zumindest die Vorlage, in gedruckter Form. „Manche Seiten habe ich hinterher einfach...”, sagt Armin Mueller-Stahl und deutet mit den Händen die Geste des In-Stücke-Reißens an, „besonders dann, wenn mir ein Drehbuch nicht gefallen hat.”

Bei dem zu Heinrich Breloers Verfilmung von „Die Buddenbrooks” (2008) war genau das Gegenteil der Fall. Der Schauspieler behielt das Manuskript nicht nur, sondern adelte es durch künstlerische Zweitverwertung. In den Drehpausen bedeckte er Blatt um Blatt mit Zeichnungen, bis es am Ende 357 Motive waren. 173 dieser Skizzen und Aquarelle stellt jetzt das NRW-Forum in Düsseldorf in einer Ausstellung vor.

Was ganz schlicht „Armin Mueller Stahl: Übermalungen eines Drehbuchs” betitelt ist, offenbart eine Fülle vom Impressionen, Gedanken und Gesichtern. „Für mich waren das Tagesnotizen, eine Art Drehtagebuch, das ich mit Gefühlen vollgezeichnet habe”, sagt der 79-Jährige. „Ich kann unter den Bildern sehen: War es ein guter oder ein schlechter Tag? Ein friedlicher oder ein expressiver?”

Außenstehenden geben die zügig hingeworfenen Linien und Figuren oft Rätsel auf: Zwar nicht, wenn Mueller-Stahl Protagonisten aus dem Roman wie Thomas und Toni Buddenbrook aufs Papier bringt oder Orte aus dem Film wie den Ballsaal und den Blumenladen aufgreift. Das ist einfach. Aber warum landete ein Udo Lindenberg auf dem Skript? Ein Kurt Tucholsky oder ein Peter Ustinov? Für wen stehen die gesichtslosen Wesen und die gebückten Gestalten, die sich übers Blatt bewegen? Welchen Eros beschwört das eng umschlungene Paar mit der Unterschrift „Denn stark wie die Liebe ist der Tod”?

Noch lesbare Fragmente der Dialoge und Szenenanweisungen geben mitunter Hinweise. Aber nicht immer. Genau das verleiht diesen ausdrucksstarken Partituren erlebter Tage ihren besonderen und geheimnisvollen Reiz. Für Armin Mueller-Stahl, den Musiker, Schauspieler, Schriftsteller und Maler, der im Dezember 80 Jahre alt wird, bedeuten die übermalten Seiten einmal mehr ein Abschiednehmen: „Bei der letzten Zeichnung waren die Dreharbeiten zu Ende.” „Abschied”, so bekennt er, „ist für mich ein sehr bewegendes Thema.”

Passend dazu zeigt das NRW-Forum großformatige Bilder aus dem gleichnamigen Zyklus. Hier geht es um den Abschied von der DDR, aus der er 1979, als Künstler zur Untätigkeit verdammt und zur „persona non grata” erklärt, ausreiste. Um Jahre später ein zweites Mal Abschied nehmen zu müssen: Vom Vertrauen. „Als ich meine Stasi-Akten las, dachte ich, ich hätte sechs Freunde. Gefunden habe ich nur vier.” Ein Irrtum, von dem sechs leere Stühle künden, die geisterhaft im Nebel schimmern. Danach kehrte er Deutschland als Wohnort den Rücken.

Noch ein Abschied. Den vom Theater hat er lange schon eingeläutet und auch aus dem Filmgeschäft zieht er sich mehr und mehr zurück. Nur von der Malerei wird er so bald nicht lassen: „Das ist ein bisschen auch Therapie. Die Zeit ist aus meinem Kopf, wenn ich male. Kein Regisseur kann mir dann rein reden. Ich bin alles selbst: Regisseur, Gaukler und Erfinder, alles in einer Person.”

Ausstellung: „Armin Mueller Stahl: Übermalungen eines Drehbuchs”, bis 27. September, NRW-Forum Kultur und Wirtschaft, Düsseldorf, Ehrenhof 2 (im Obergeschoss). 0211/89 266 90. Geöffnet: Di.-So. 11-18 Uhr, Fr. 11-24 Uhr. Eintritt: Kombiticket für Ober- und Untergeschoss 10 Euro, erm. 7 Euro, Familienticket 15 Euro. Zu dem „Buddenbrooks”-Projekt ist ein Kunstbuch (290 Seiten, 24, 80 Euro) erschienen, in dem 140 der übermalten Drehbuchseiten in Originalgröße abgebildet sind.

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