Düsseldorf - Verliebte Jungs im Verkleidungsspiel

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Verliebte Jungs im Verkleidungsspiel

Von: Armin Kaumanns
Letzte Aktualisierung:
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Wer ist wer? Das ist in der aktuellen Mozart-Inszenierung von „Cosi fan tutte” an der Rheinoper in Düsseldorf nicht immer leicht zu erkennen. Das Rätselspiel um Verkleidung und Spiegelung gehört systematisch zum Werk dazu. Foto: Rheinoper

Düsseldorf. Mozart ernst nehmen, heißt: All das höfische Gedudel, die geschmäcklerischen Albernheiten, diese schnurrige Unterhaltungsmaschinerie beiseite- zulegen.

Was interessierte das auch? Nein, wer sich dreieinhalb Stunden still und stumm in ein Opernhaus setzt, um einer Aufführung wie jetzt „Cosi fan tutte” beizuwohnen, darf zu Recht mehr erwarten als ein paar schöne Arien in netter Rokoko-Ausstattung. In Düsseldorf wird er da mit der Neuinszenierung von Nicolas Brieger sehr anspruchsvoll bedient. Dieser ganze frivole Liebesspaß ist nämlich so gar nicht zum Lachen.

Regisseur: Nicolas Brieger

Tja, da haben wir´s: Wetten mit und auf die Liebe oder die Treue gehen nach hinten los. Meint jedenfalls Nicolas Brieger, der in den 70ern als Schauspieler bekannt wurde, in Serien von Edgar Reitz und beim „Tatort” Fernsehpräsenz gewann und immer auch inszenierte, inzwischen besonders Musiktheater an den großen europäischen Häusern. Brieger findet nämlich das Cosi-Happy-End überhaupt nicht lustig, im Gegenteil. Denn was sich Mozart und sein Textdichter da Ponte als Kehraus haben einfallen lassen: Die Versöhnung der Paare, die gerade von ihren Gefühlen durch einen Schleuderkurs moralischer Gewissheiten gewirbelt wurden, ist ein Witz. Ein ziemlich brachialer. Folgerichtig spielt sich auf der Bühne ein Ringelreihen ab, der eher einem Ringkampf gleicht als einem dreifachen Hochzeitstanz.

Brieger hatte dieses Schlussbild schon zur Ouvertüre gezeigt, zu der er seine konzeptionell-abstrakte Einheitsbühne vorstellte, die gemeinsam mit Ausstatterin Uta Winkelsen entstand: ein quadratischer, silberner Spieltisch. Darauf sechs schwarze Würfel mit den Anfangsbuchstaben der sechs handelnden Personen. Drei Frauen in gleichen weißen Blusen, schwarzen Wickelröcken sind mit drei Männern in gleichen blauen Anzügen unlöslich verstrickt.

Eine quadratische Plexiglas-Mauer begrenzt die Szene nach hinten, man blickt hindurch auf einen kahlen, kopfstehenden Baum in einem Hauch von Rot. So sehr die Bühne eher der Versuchsanordnung dient denn dem schönen Schein, so wunderbar wandelbar erweist sie sich in der Folge. Das Tableau schiebt sich ein Stück nach vorn - schon tut sich ein Hohlweg, Fluss, Graben auf, mehr in unserer Fantasie denn in Wirklichkeit. Überhaupt entsteht durch die gänzlich auf karge Zeichen reduzierte Ausstattung ein Raum, in dem die Sänger-Darsteller wie unter einem Vergrößerungsglas wahrgenommen werden.

Das ist eine ambivalente, höchst riskante Angelegenheit. Und dass die rigiden Setzungen der Regie über weite Strecken aufgehen, ja geradezu Momente höchster Intensität erst ermöglichen, macht diese Cosi zu einem spannenden Erlebnis. Fast jede Individualität ist den Figuren ausgetrieben, die verliebten Fiordiligi und Dorabella ähneln sich wie ein Ei dem anderen.

Und auch noch Despina, diesem sonst so albernen Ammen-Geschöpf, das bei Brieger eine ähnlich tragische Entwicklung nimmt wie die Schwestern. Vergleichbares gilt für die verliebten Jungs, die sämtlich aus dem Verkleidungsspiel entwurzelt, mindestens verunsichert herauskommen. Mit der Cosi beginnt ein neuer Düsseldorfer Mozart/da-Ponte-Zyklus. Die Inszenierungs-Ambition ist eindrucksvoll formuliert. Geradezu schwärmen darf man auch von der musikalischen Seite des Projekts. Wir erleben Düsseldorfer Symphoniker auf der Höhe historisch informierten Musizierens, federnd und auf höchste Durchsicht geschult durch den GMD Axel Kober. Und die Stimmen des Rheinoper-Ensembles sind phänomenal.

Da wurde mit unglaublicher Finesse an den vie-len Ensembles gearbeitet, sämtliche Solisten gereichten einem anderen Hause zur Ehre. Von einem anderen Stern aber scheint Sylvia Hamvasi zu stammen, die mit Mozart für die Gefühle der Fiordiligi überirdisch schöne Töne findet. Jussi Myllys kleidet den Ferrando mit einer Portion tenoralem Extra-Schmelz aus, auch darstellerische Extraklasse zeigt Elzbieta Szmytka als Despina, ausgezeichnet musizieren Günes Gürle (Don Alfonso) und Katarzyna Kuncio (Dorabella).

Vom Chor sieht man nichts als ein Video (Philipp Haupt), für ihn ist in dieser Inszenierung optisch kein Platz. Man darf sich auch wundern, dass während einer Chorpartie ein Hochdruckreiniger an der Mauer zum Einsatz kommt, zwei Würfel plötzlich als Fern-lenkautos herumdüsen. Ganz so bierernst wollte die Regie dieses „Dramma giocoso” dann wohl doch nicht haben. Das Premierenpublikum jubelte.

Weitere Vorstellungen von „Cosi fan tutte” an der Düsseldorfer Rheinoper, Heinrich-Heine-Allee: 6., 14., 20., 25., 28. Mai. Dreieinhalb Stunden , eine Pause.
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