Aachen - Ute M. Engelhardt inszeniert Poulencs „Dialogues des Carmélites“ mit feinem Gespür

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Ute M. Engelhardt inszeniert Poulencs „Dialogues des Carmélites“ mit feinem Gespür

Von: Armin Kaumanns
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Leidende Ordensfrauen, graue Turmquader und ein leuchtendes Kreuz: Mit den „Dialogues des Carmélites“ (Gespräche der Karmelitinnen) gelingt dem Aachener Theater ein bemerkenswerter Opernabend. Links Faustine de Monès (Constance) und Suzanne Jerosme (Blanche).
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Ausgezeichnete Sängerinnen: die Ensemblemitglieder Suzanne Jerosme (links) und Irina Popova.

Aachen. Mit dem „Salve Regina“ hat Francis Poulenc echte Gänsehautmusik geschrieben. Der Schluss- und Höhepunkt seiner Oper „Dialogues des Carmélites“ montiert furchtbare Schläge der großen Trommel in den Gebetsgesang der Ordensfrauen, um die grausame Arbeit der Guillotine zu unterstreichen.

Am Theater Aachen lädt Regisseurin Ute M. Engelhardt die Szene zusätzlich mit einem Höchstmaß an schauspielerischer Emotion und bildlichen Ausrufezeichen auf. Jede der 16 Karmelitinnen blickt voller Bewegung dem eigenen Tod in die Augen, bevor Schergen ihnen ein schwarzes Tuch über den Kopf stülpen. Über die anonyme Masse der Täter ergießt sich ein Strom von Blut. Pures Entsetzen durchpulst das Schlussbild dieses bemerkenswerten Opernabends, der eine fassungslose Mère Marie vor abgewandter Menschenmasse zurücklässt.

Phänomenale Intensität

Mit diesen „Dialogues des Carmélites“ erwirbt sich das Theater Aachen erhebliche Meriten unter den Opernhäusern des Landes. Poulencs bekanntestes Bühnenwerk macht sich vor allem wegen des geforderten riesigen Sänger-Ensembles rar auf den Spielplänen. In Aachen sind demnach etliche, teils sehr begabte Sängerinnen und Sänger aus dem Opernchor in kleinen und mittleren Partien aufgeboten.

So kann sich das Haus bei den die Handlung tragenden Figuren auf wenige, meist vertraute Gäste beschränken. Und hat in diesem Fall ein ausgesprochen glückliches Händchen. Die Altistin Katja Starke (die Kabanicha in Janáceks „Katja Kabanowa“) singt und spielt die Priorin des 1. Aktes mit phänomenaler Intensität.

Dem Tenor Alexey Sayapin scheint die Partie des Chevaliers auf den Leib und das durch und durch französische Timbre geschrieben zu sein. Bariton Andrew Finden, erstmals in Aachen zu Gast, kann als Marquis überzeugen. Faustine de Monès gefällt in der Partie der jungen Novizin über die Maßen. Irina Popova, eine der Stützen des Aachener Ensembles, glüht für die tragische Figur der Mère Marie.

Was aber wären die „Carmélites“ ohne eine überzeugende Blanche? Schließlich ist die Oper die Geschichte ihres beschädigten, ihres traumatisierten Lebens und Sterbens. Die junge Sopranistin Suzanne Jerosme ist seit dieser Spielzeit fest im Ensemble und prägt mit ungemein schattierungsreicher Stimme und wunderbar intensivem Spiel den Abend in musikalischer wie schauspielerischer Hinsicht.

Zumindest Letzteres ist das Verdienst der erstmals in Aachen arbeitenden Regisseurin Ute M. Engelhardt. Sie zeigt ein äußerst feines Händchen in der Kunst, Personen zu führen und gleichzeitig Szenen zu verdichten. Das Sterben der Priorin etwa, das letzte Privatissimum mit Blanche, könnte mit ein wenig Ungeschick im Pathos ersaufen – hier rührt es zu stillen Tränen.

Manchmal übers Ziel hinaus

Großen Anteil an dieser suggestiven Wirkung haben die Ausstatter Jeannine Cleemen und Moritz Weißkopf, die mit zwei marmorgrauen Turmquadern und reduzierten Requisiten einen variablen, sinnhaften, akustisch tadellosen Raum für Orte und Dimensionen der Handlung herstellen. Die Turmfahrten zu den Zwischenmusiken sind eine Augenweide.

Engelhardt gelingt ganz viel. Die Chormassen führt sie von leichter Hand zu großen Tableaus. Um die Französische Revolution geht es ihr nicht, eher um eine überzeitliche Auseinandersetzung mit Bedrohtsein und Gewalt.

In einer Szene des 1. Aktes, draußen Tumult, drinnen blanke Angst, fliegt ein geköpfter Hase durchs Fenster des Karmels, als Sinnbild für die Schutzlosigkeit der Ordensfrauen. Doch Engelhardts Einfall zielt noch weiter: auf das Schicksal der Blanche, die von ihrem Bruder liebevoll „Häschen“ genannt wird, und die am Ende selbst ihren Kopf verlieren wird.

Aber die Regisseurin schießt auch übers Ziel hinaus. Sind die durch die Tapeten dräuenden Angstträume der Blanche noch dem bisweilen filmischen Gestus von Poulencs Partitur geschuldet, so greift doch der Auftritt einer weiß gekleideten kindlichen Blanche arg in die psychologisierende Mottenkiste. Und dass die Regie der Mère Marie ein Verhältnis mit dem Marquis andichtet, ist blanker Unsinn.

Gelungen wirkt dagegen die Idee, die Keimzelle von Blanches Drama, die Gelehrtenstube ihres Vaters, des Marquis, einerseits als engen, quadratischen Kasten zu zeigen, andererseits diesen Bühnenkörper als roten Faden einzusetzen. Das ist intelligent und sinnfällig zugleich.

So ist hier also über einen gelungenen Opernabend zu berichten, dem das Sinfonieorchester Aachen unter Justus Thorau einen in vielen Passagen mitreißenden Soundtrack liefert. Der kommissarische Generalmusikdirektor liebt die dynamischen Extreme, straffe Tempi und die Sänger. Das ist viel und ein Glück. Hingehen!

 

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