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Uraufführung von „Der demografische Faktor” in Köln

Von: Constanze Schmidt, dpa
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Köln. Kurz und ausgesprochen flau war der Schlussapplaus am Freitagabend im Kölner Schauspielhaus für Nicolas Stemanns Versuch, ein gesellschaftspolitisch brisantes Problem auf die Bühne zu bringen.

„Der demografische Faktor” war verlockend als „Unterhaltungstragödie mit Musik” angekündigt worden und von großem Aufwand begleitet: Die Proben zur Uraufführung waren öffentlich zugänglich, im eigens eingerichteten Blog zu verfolgen und bei Bedarf auch zu kommentieren. Geplant war ein aufregend offener, interaktiver Entstehungsprozess.

Ob es daran lag, dass die „kleine Theatermanufaktur”, als die Stemann zu Beginn sein Team kokett vorstellte, sich dabei verzettelt hat? Oder war es die offensiv ausgestellte Coolness, die dem eigentlich sehr ernsten Thema nicht gerecht werden konnte und es stattdessen in einer schleppenden Revue regelrecht verläppern ließ?

Musik soll das verbindende Element dieses Abends sein, der mit einem bewusst schief angestimmten Gesangs-Terzett eingeläutet wird: „Schön, schön, schön, dass Ihr alle gekommen seid”, intonieren Stemann und seine Mitstreiter Thomas Kürstner und Sebastian Vogel mit schütteren Stimmen, was wohl als Parodie gemeint ist auf Fernsehformate, die Volksmusik anbieten. Dann kündigt Stemann als Conferencier an, man habe in der besagten Theatermanufaktur einfach „Dinge produziert”. Gemeint sind Texte, Lieder, Bilder und Ideen, die auf einer Seminartafel auf farbigen Zetteln notiert sind.

Vor dieser Tafel steht nun das betont lässige Terzett und sortiert die Zettel, holt einen hervor, stimmt ein Lied an, um es gleich wieder zu verwerfen. So geht das eine halbe Stunde. Dann wird per Video auf riesigen, den ganzen Saal einfassenden Leinwänden Statistik referiert, dröge Demografie, die der Sozialwissenschaftler Franz-Xaver Kaufmann ebenfalls per Videoeinblendung sachlich erläutert. Volkswirtschaftlich betrachtet koste das Aufziehen eines Kindes 300 000 Euro. Dennoch meinen Stemann und Co.: „Das sieht doch ein Blinder, Deutschland braucht mehr Kinder.” Um dies zu befördern, wird das Publikum aufgefordert, sich doch einmal umzuschauen, ob da nicht ein netter Nachbar sitzt zwecks baldiger Vermehrung. Um dazu in Stimmung zu kommen, wird Rotwein durchgereicht.

Das Publikum nimmt das noch gelassen, anfängliche Lacher versickern jedoch schnell, schon nach den ersten Statistik-Referaten stimmen einige mit den Füßen ab und verlassen die Vorstellung. So schleppt es sich hin. Es gibt noch den Ansatz einer Handlung, als eine skurrile Daily-Soap simuliert wird, in der es um einen rüstigen Rentner mit asiatischer Pflegekraft geht, dessen skrupellose Tochter und deren noch skrupelloserer Partner um die Wohnung des alten Mannes rangeln und dabei zu Tode kommen. Im Jenseits wird dann weiter lamentiert über das Leben, und Tochter Jaqueline wird sogar noch schwanger.

Myriam Schröder als Tochter zeigt den einzig glaubwürdigen Auftritt des Abends in einem langen, zornigen Monolog, dessen Text so etwas wie ein bündige Zuspitzung des Problems bietet, ohne freilich neue Erkenntnisse zu liefern. Ferner treten Puppenspieler auf, der Seniorenchor „Spätlese” und ein Kind (Ricarda Schenk). Fazit: Thema nicht nur verfehlt, sondern leichtfertig unterschätzt.
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