Aachen - Tiefe Einblicke ins Innerste der DDR

Tiefe Einblicke ins Innerste der DDR

Von: Eckhard Hoog
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Tiefe Einblicke ins Innerste d
Im Schlafzimmer des Brautpaares: Der Traum von der westlichen Warenwelt füllt den Raum bis zur Decke. Die Aufnahme von Ute Mahler entstand 1973 in einem Vorort von Ost-Berlin - bis 21. November im Ludwig Forum im Rahmen der Ausstellung Eros und Stasi zu sehen.

Aachen. 1973, in einem Vorort von Ost-Berlin: Ein Paar hat gerade geheiratet, beide sind 19 Jahre alt, er ist Schlosser, sie Kellnerin. Die Leipziger Fotografin Ute Mahler hat sie porträtiert - im Allerheiligsten, im letzten privaten Rückzugsgebiet: dem Schlafzimmer.

Der kleine Raum ist von oben bis unten, von der Decke bis zur Fußleiste vollgepflastert mit Kartons, Bildern, Schachteln. Über dem Bett: „Nimm 2”, „Omo”, „Der Weisse Riese”, „Persil”. Über Jahre hinweg hat sich der Bräutigam hier seinen Wunschtraum von der westlichen Warenwelt zusammengezimmert - verborgen vor öffentlichen Blicken.

Das beeindruckend erzählende Bild ist eines von 100 Fotografien, die das Aachener Ludwig Forum ab Sonntag unter dem Titel „Eros und Stasi” präsentiert - eine echte Entdeckung, zumal zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung.

In nur vier Jahren entstanden

Eine Aachener Geschäftsfrau aus der Modebranche hat in nur vier Jahren eine bedeutende Sammlung von Fotografien aus der DDR zusammengetragen, die jetzt zum ersten Mal öffentlich ausgestellt wird: Gabriele Koenig. Gefragt, was wohl den Anstoß zu dieser Sammelleidenschaft gab, antwortet sie: „Reiner Zufall!” Vor vier Jahren las sie in einem Kunstmagazin, dass die Fotografie der DDR noch nicht erforscht sei. „Das war die Initialzündung.” Über Kontakte mit Galerien in Leipzig, Berlin und durch fleißige Recherchearbeit kam eine Kollektion an Foto-Dokumenten zusammen, die erstaunlich umfangreich einen „Blick ins Innerste der DDR” gewährt, wie es Brigitte Franzen, Direktorin des Ludwig Forums, formuliert.

Alltägliche Situationen in Schwarzweiß von den Fünfzigern bis zu den späten Achtzigern, Stadtlandschaften, Aktaufnahmen und immer wieder Gesichter - alte Menschen und junge, Frauen und Männer, Arbeiter und Künstler, die sich offen zeigen; nichts ist gestellt. Festgehalten von den besten Fotografen und Fotografinnen, Ute Mahler ist eine von ihnen.

Ungeschminkte Momentaufnahmen des alltäglichen Lebens, die über den Staat DDR weit mehr aussagen als Dokumente oder Ereignisse der großen Politik - denn die Fotografen gehörten zu diesem Leben selbst dazu, sie teilten es mit ihren Objekten. Authentischer könnten die Bilder von Ulrich Wüst, Helga Paris, Uwe Steinberg und wie sie alle heißen, gar nicht ausfallen. Stilistisch könnte man hier seine Studien treiben, ob die ungewöhnlichsten Perspektiven mit Blick auf russische Vorbilder wie Rodtschenko gewählt wurden oder neue Sichtweisen aus den zwanziger Jahren Pate standen.

Gleichviel: Die Aussagekraft der Fotos aus den privaten Lebenszusammenhängen gleichen mitunter einer Offenbarung. Extrem ausdrucks- und freudlos blicken Vater, Mutter, Kind - und das an einem ersten Schultag im Jahr 1974. Ein Paar steht auf einer erbärmlichen Straße in Potsdam, der Blick in eine Fabrik richtet sich in eine Werkstatt, die aus dem 19. Jahrhundert stammen könnte. Das Foto entstand 1980! Erstaunlich, wie wahr doch Klischees sein können. Von den kleinen Vergnügen in der DDR-Freizeit zeugt die Aufnahme „Laubenpieper-Feier” - Tanz im Schrebergarten. Rührend!

Eine besondere Bedeutung verbirgt sich hinter den Aktaufnahmen, die einer gänzlich ungewohnten Ästhetik unterliegen - jenseits von künstlichen Glanzposen aus der Werbewelt. Buchstäblich unverstellt präsentieren sich die abgelichteten Damen, dort, wo sie wohnen - da steht die halbvolle Weinflasche ebenso auf dem Tisch wie die Kaffeetasse. Und krasser könnte der Gegensatz nicht mehr sein wie der gewagte „Akt mit Zigarette” vor einer schrecklich spießigen Mustertapete.

Nackt bis auf die Haut - im Überwachungsstaat, dem nichts entging, der den Einzelnen psychisch auszog, galt Nacktheit und mithin die Aktfotografie als „Sehnsucht nach einer intimen Welt” (Brigitte Franzen).

Das Porträt einer Schönen von der ersten und einzigen Misswahl, die in der DDR 1989 kurz vor dem Ende zugelassen war, dokumentiert auf witzige Weise auch eine Art von Umbruch: Während das Mädel den gardinenartigen Rock lüpft und kess das Bein entblößt, liegt auf dem Sessel noch die Schondecke, Symbol fürs Spießertum schlechthin.

Aber auch zum Teil berühmte historische Fotos gehören zur Sammlung Koenig, zum Beispiel jene Aufnahme von Kennedy, Brandt und Adenauer, wie sie 1963 im offenen Wagen am Brandenburger Tor vorbeifahren und Richtung Osten blicken. Oder vom Feuerwerk an gleicher Stellt Silvester 1989. Künstlerfotos zeigen Wolf Biermann in seiner Wohnung an der Chaussee-straße mit seinen Kumpanen. Roger Melis lichtet Peter Hacks 1968, Sarah Kirsch 1977 ab.

Und dann wären da noch zehn großformatige, sehr beeindruckende, kühle Arbeiten des Künstlerduos Daniel und Geo Fuchs, die einzigen Farbfotos der Schau, die 15 Jahre nach dem Fall der Mauer am Ort der „Täter” entstanden sind - an den verlassenen Stätten des Staatssicherheitsdienstes. Ganze Batterien an ledergepolsterten Türen wirken wie monströse Symbole der Macht, auf meterweise Regalen lagert all das heimlich gestohlene private Leben der Bürger in verschnürten Paketen und Kartons......

Stasi und Eros - zwei aufschlussreiche Seiten einer besonderen Medaille.

„Eros und Stasi. Ostdeutsche Fotografie aus der Sammlung von Gabriele Koenig”, eine Ausstellung im Aachener Ludwig Forum, Jülicher Straße 97-109, ) 0241/1807104. Es erscheint kein Katalog. Eröffnung: Sonntag, 26. September, 12 Uhr. Dauer: bis 21. November. Geöffnet: Di., Mi., Fr., 12-18 Uhr, Do. 12-22 Uhr, Sa. u. So. 11-18 Uhr. Öffentliche Führungen: So., 12 Uhr. Führungen für Schulklassen (60 Minuten) 20 Euro. Eintritt: fünf, ermäßigt 2,50 Euro.
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