Theater Aachen: Händels „Ariodante“ mit überraschendem Ende

Von: Armin Kaumanns
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Georg Friedrich Händels „Ariodante“ im Theater Aachen: mit Katharina Hagopian als Ginevra. Ausgesprochen Florales dominiert das Bühnenbild und die Kostüme. Regisseur Jarg Pataki präsentiert mit seiner Inszenierung eine sehr eigenwillige Interpretation dieser Barockoper. Am Ende geht es auf der Bühne sehr bunt zu. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Ja, wo sind wir denn? Vom Ende her betrachtet, das nach dreieinhalb Stunden „Ariodante“ auf der Aachener Opernbühne mit gänzlicher Demontage der liebgewonnenen Szenerie und raschem Aufbau eines schrillen Wahlplakats mit chinesischen Puttchen einhergeht, fühlt man sich eher in einen Manga-Comic versetzt denn an einen Königshof zu Zeiten Karls des Großen.

Alles so schön bunt hier, skandieren – in anderen Worten – Chor und versammelter Hofstaat. Nur der Titelheld, ein Traumtänzer vor dem Herrn, hat augenscheinlich seine Zweifel am Happy End, bis ihn seine neue geliebte Gattin mit zupackender Bestimmtheit wieder auf Linie bringt. Was wird werden? – Uns schwant nichts Gutes.

So unvermittelt und brachial dieser inszenatorische Kraftakt in die Dreivierteltakt-Seligkeit von Händels Oper drischt, so nachvollziehbar ist die Idee des Schweizer Regisseurs Jarg Pataki. Schließlich will der Mann, in dessen Obhut das Theater gleich den ganzen geplanten Händel-Zyklus legt, sich nicht mit der kommentarlosen Erzählung von Heldensagen zufrieden geben.

Zum Karls-Jahr 2014 werden „Alcina“ und „Orlando“ folgen, ebenfalls Anleihen Händels bei Ariosts „Rasendem Roland“. Offenbar geht es Pataki um eine Sicht auf die Geschichte der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den Weltreligionen, die im Morgen auch noch Gültigkeit haben könnte. Genaueres weiß man nicht.

Versiertes Team

„Ariodante“ jedenfalls findet bei Pataki und seinem eingespielten, versierten Team (Anna Börnsen, Bühne, Sandra Münchow, Kostüm) auf einer neuzeitlichen Zivilisationsbrache statt, die im Begriff ist, von der Natur in Gestalt von Unkraut und einer die Wand durchbrechenden Buche zurückerobert zu werden. Zwischen rohem Industriemauerwerk wird ein bunter Ball, wie aus dem Kinderbuch gefallen, zum Ort absturzgefährdeter Liebesseligkeit. Auf ein wie zufällig dastehendes Schreibpult darf auch mal geklettert werden.

Natur hat auch die Kostüme der ziemlich uniformen Gesellschaft unterminiert: Gebatikte Pflanzenmotive mustern Tarnanzüge, Kleider, die Roben der Protagonisten. Heraus fallen Ariodante, der gute, schöne, blonde Vasall, der von Herzen die Prinzessin Ginevra liebt. Die hat ein prunkvoll grünes Palmwedel-Kleid und liebt ihn auch. Dafür ist der gute, schlaffe König, dagegen der böse Herzog Polinesso, das sieht man gleich an seinem schwarzen Anzug. Er spinnt eine gemeine Intrige.

Beim Hin und Her mit Selbstmordversuch, Schwertkampf, großem Tohuwabohu mit halbnackten Furien und großem Donnerwetter machen auch noch eine knusprige Zofe (in Altrosa) und ein rot gekleideter Tenor mit. Und bevor Ginevra vom eigenen Vater (verkörpert vom Bass Pawel Lawreszuk) hingerichtet wird, wendet sich aus heiterem Himmel alles zum Guten. Brautsträuße im Dutzend, rosa Luftballons. Ariodante lebt!

Pataki vertraut Händel. Das ist gewagt, weil seinen Opern kaum ein theatrales Konzept zugrunde liegt. Auch „Ariodante“ ist eine lose Aneinanderreihung von Arien, virtuosen, musikalisch entzückenden, aber immergleich gebauten und sehr langen Gefühlsäußerungen jeweils eines Gesangssolisten in stillstehender Zeit. Duette sind selten, ab und zu hat der Chor was zu tun. Pataki räumt in den ersten beiden Akten für diese Art Musiktheater die Bühne komplett leer, während der Arien passiert geradezu nichts.

Außer Musik natürlich. Das ist hart, kommt aber beim Publikum gut an. Endlich einmal gibt es reichlich Raum für die Sänger, die dazu auf sehr ansprechendem Niveau operieren. Niemand blamiert sich (trotz teils extremer Anforderungen an Tongebung und Koloratur-Fähigkeit), immer ist der Gesang Ausdruck der Seele. Ganz rein, ganz ohne Hintergedanken. Pataki formt glaubwürdige Charaktere. Das ist wunderbar.

Alles fließt und hat Luft

Im hochgefahrenen Graben musiziert ein kleines, von Kapellmeister Péter Halász auf Barock getrimmtes Ensemble, das mit wenig Vibrato sehr sängerdienlich unterwegs ist. Nur selten mischen Holzbläser Unschärfen in die Harmonie, alles schwingt, fließt, hat Luft. Auf der Bühne verleiht Katharina Hagopian der Ginevra die differenzierteste, ergreifendste Strahlkraft; Violetta Radomirska vom Theater Biel als Ariodante punktet mit sehr ausgeglichenem, samtweichem Timbre in der schwierigen Mezzo-Partie.

Keck und spitz wirbelt Jelena Rakic durch die soubrettenhafte Partie der Zofe Dalinda. Patricio Arroyos lyrisch milder Tenor färbt die Partie des Lurciano wie anstrengungslos. Und Bösewicht Polinesso ist nicht nur in Sanja Radisics Kehle gut aufgehoben – die Mezzosopranistin strotzt geradezu vor Fiesheit. Allein, wie sie der süßen Dalinda an die Figur geht – pfui Teufel.

Im Publikum herrscht eitel Wohlgefallen. Auch wenn man über die plötzliche Wendung zum Guten amüsiert die Köpfe schüttelt. Und was sich die Regie da fürs Ende ausgedacht hat –man wird vielleicht noch im Karlsjahr drüber reden.

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