Maastricht - Tefaf: Kunst kaufen ist nicht nur eine Frage des Geldes

Whatsapp Freisteller

Tefaf: Kunst kaufen ist nicht nur eine Frage des Geldes

Von: Angela Delonge
Letzte Aktualisierung:
7384159.jpg
Kein echtes Modell: Besucher bestaunen ein lebensecht wirkendes Kunstwerk auf der Tefaf. Foto: Harry Heuts

Maastricht. Kunstwerke sind wie Kinder. Sie kommen in unser Leben, begleiten uns für einige Zeit, hängen in unserem Wohnzimmer rum – und irgendwann verschwinden sie in ein neues Zuhause.

Manchmal kommen sie auch wieder zurück, bleiben für eine Weile und ziehen dann erneut durch die Weltgeschichte. Diese Sicht der Dinge würden die meisten Kunsthändler unterschreiben. Die meisten Sammler auch.

Konrad Bernheimer, der Münchener Altmeisterspezialist, kann ein Lied davon singen. Sein ältestes „Kind“ begleitet ihn mittlerweile seit 20 Jahren. Es ist der „Austernesser“, ein flämisches Genregemälde von Henri Strésor, um 1640 gemalt. Gekauft, besessen, geliebt, verkauft, zurückgekauft, noch mal verkauft. Und nun hängt der Knabe schon wieder in Bernheimers Wohnzimmer, will heißen: in dem exquisiten Kunstkabinett, mit dem der Händler für zehn Tefaf-Tage an der Adresse Champs Elysées/Ecke Vrijthof im MECC residiert.

Die Geschichte vieler alter Kunstwerke ist so oder ähnlich. Diese Geschichten haben wenig mit dem hektischen Geschacher zu tun, das sich zurzeit auf dem Markt für zeitgenössische Kunst abspielt. Hier, bei den Alten Meistern, den Skulpturen, den Stillleben, geht es in erster Linie um Liebe und Leidenschaft, um echte Wertschätzung. Es geht darum, ein oft lang ersehntes „Kind“ ins eigene Heim zu holen und sich damit zu schmücken.

Tatsächlich geht es um die Erfüllung von Sehnsüchten. „Und wir sind hier, um Wünsche zu wecken, um Leute auf Dinge aufmerksam zu machen, nach denen sie vielleicht schon lange suchen“, sagt Konrad Bernheimer, der nach eigener Aussage nicht für den Markt kauft, sondern nur nach seinem „persönlichen Geschmack“.

Auf einer Messe wie der Tefaf, auf der sich 80 Prozent aller auf dem Markt befindlichen Gemälde Alter Meister versammeln, ist von Hektik keine Spur, es wird flaniert, geschaut und noch mal geschaut, Interesse wird angemeldet. Vielleicht ein Termin vor Ort vereinbart. Denn „die Messe ist nicht zu Ende, wenn die Messe zu Ende ist“, sagt Bernheimer.

Wenn Privatleute Kunst kaufen, ist das ein langwieriger Prozess. Da werden nicht gleich die Scheine über den Tisch gereicht, von Bargeschäften ganz zu schweigen. „Wir sind keine Vermittler oder Händler, wir sind auch selber Käufer. Und da muss alles mit rechten Dingen zugehen.“ Fast immer investiert ein Galerist ein Großteil seines eigenen Kapitals in die Kunstwerke. Ankaufen, verkaufen, – das ist das Geschäft eines seriösen Kunsthändlers. Es ist sein Leben. Es ist volles Risiko.

Es ist großes Pech, wenn jemand wie Florian Eitle-Böhler aus Starnberg eine nicht signierte Elfenbeinfigur des heiligen Sebastian aus dem 17. Jahrhundert erwirbt, die Provenienz lückenlos nachrecherchiert, die Figur schließlich gesichert dem flämischen Künstler Frans van Bossuit zuschreiben kann – und dann die USA ein Einfuhrverbot für Elfenbein verhängen. Immerhin hat die Galerie Böhler auf der Tefaf „sehr ordentlich im kleinpreisigen Bereich“ verkauft, doch den kostbaren heiligen Sebastian muss der Chef wohl wieder mit nach Hause nehmen.

Dabei ist die Tefaf normalerweise eine sichere Bank. Käufer wie Verkäufer machen hier gute Geschäfte. Denn natürlich geht es bei der Kunst auch um Geld, und natürlich geht es manchmal auch darum, Geld anzulegen. Doch in erster Linie geht es darum, Geld auszugeben. Und das tun vor allem die Amerikaner. In Mannschaftsstärke pflügen sie auf der Tefaf durch die Gänge mit den kosmopolitischen Straßennamen und kaufen die auf den Markt geworfenen Highlights der europäischen Kunstgeschichte auf, um dann damit ihre Museen zu bestücken.

„Unheimlich viel Geld“

Kein einziges Haus habe gefehlt, meinen die Galeristen, alleine das Bostoner Museum of Fine Arts lief mit 20 Personen in Maastricht auf. Und selbst kleinere Museen wie das Kimbell Art Museum aus Fort Worth kommen zum Kaufen. „Da ist unheimlich viel Geld“, sagen die Händler und schielen auf die Amerikaner mit ihren zahlungskräftigen Stiftungen, die ihre Leute mit ellenlangen Wunschlisten nach Europa schicken.

Während man dort im Überfluss badet, wird hierzulande der Mangel verwaltet. Deutsche Museumsdirektoren auf der Tefaf? Vereinzelte Exemplare wurden gesichtet. Das aber sei nicht alleine eine Frage des Geldes. Denn häufig fehle auch das Interesse, es zu beschaffen, und überhaupt fehle es der deutschen Museumslandschaft an Persönlichkeiten. „Es gibt einige, die dem Markt gegenüber sehr aufgeschlossen sind und es gibt andere, die in ihrem Museum sitzen und verwalten.“

Das sagt Raimund Thomas, Münchener Expressionismusspezialist und seit 50 Jahren im Geschäft. An seinem Stand – gut bestückt mit hochkarätigen Expressionisten und diversen Vertretern der klassischen Moderne – wird mit Vorliebe die Provenienzdebatte geführt. „Die Beltracchi-Geschichte hat nur auf das aufmerksam gemacht, was sowieso jeden im Kunstmarkt umtreibt.“ Ja, die Käufer hätten ein Recht auf Echtheitsbeweise, sagt Thomas und bricht eine Lanze für seinen Berufsstand und dessen Auftrag der seriösen Vermittlung. Für alle Beteiligten sei eine aufwändige Provenienzforschung unverzichtbar.

Doch wo bleiben die Kunsthändler, wenn ein Experte falsch liegt? Der Kunde habe ein Recht auf Rückgabe, doch der Händler bleibe dann auf seinem Verlust sitzen, sagt Thomas und fordert wie viele seiner Kollegen die Einführung einer Art Versicherung gegen unzureichende Recherchen von Galeristen, Händlern und Auktionshäusern. Die lückenlose Provenienz ist zum entscheidenden Qualitätsmerkmal für Kunst geworden. Da hat Thomas sich nichts vorzuwerfen. In zwei dicken Ordnern sind sowohl Herkunftsgeschichte als auch Forschungsstand jedes seiner Gemälde lückenlos dokumentiert. Und so hat auch die Galerie Thomas auf der Tefaf gut verkauft.

Ja, In Maastricht werden Geschäfte gemacht. Gute Geschäfte. Und es werden Leidenschaften diskutiert. In Maastricht trifft man Schöngeister, die für Kunst brennen und Kunstwerke wie Kinder behandeln. „Die Tefaf ist eine einzigartige Institution“, sagt Konrad Bernheimer. Das stimmt, und daran wird sich auch so schnell nichts ändern.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert