Aachen - „Superflumina“: Und oft ist es ganz still am Bahnsteig

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„Superflumina“: Und oft ist es ganz still am Bahnsteig

Von: Pedro Obiera
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Jeder ist allein: Salvatore Sciarrinos Oper „Superflumina“ im Theater Aachen. Foto: Wil van Iersel
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Mit ihr steht und fällt die Produktion im Theater Aachen: die polnische Sopranistin Anna Radziejewska.

Aachen. Salvatore Sciarrinos Bühnenwerke sind Reisen ins Innere, Lauschangriffe auf verborgene Stimmen gequälter Seelen. Das war bereits in früheren Jahren so, als er sich noch mit konkreten, oft blutrünstigen Stoffen wie dem Eifersuchtsdrama des Fürsten Gesualdos oder dem Tyrannensturz Macbeths beschäftigte.

Konkrete Handlungsabläufe drängt Sciarrino mittlerweile immer stärker zurück. So auch in seinem bisher letzten Werk, der vor zwei Jahren mit großem Erfolg in Mannheim uraufgeführten Oper „Superflumina“, benannt nach den lateinischen Anfangsworten des 137. Psalms „An den Flüssen Babylons“.

Es ist verdienstvoll, dass sich jetzt auch das Aachener Theater um den sizilianischen Eigenbrötler bemüht, der in der Region bisher nur von den Wuppertaler Bühnen mit drei glänzenden Produktionen wirklich ernst genommen wurde. Und das mit einer denkwürdigen, vorbildlichen Leistung, die beim Premierenpublikum auf große Zustimmung stieß.

Je tiefer der 65-jährige Komponist ins Innere seiner Figuren dringt, umso gedämpfter und distanzierter klingt seine Musik. Es sind pulverisierte Töne, die aus der Ferne ans Ohr drängen, oft an der Grenze des Hörbaren, teils farblos, teils schillernd, teils geräuschhaft scharf, teils kulinarisch süß, niemals nachdrücklich laut und erst recht nicht plakativ vordergründig. Und oft ist es ganz still. Anforderungen, die Kapellmeister Péter Halász mit Umsicht und Feingefühl einlöst.

Dass man das Aachener Sinfonieorchester weit in den Bühnenhintergrund drängte, kommt der Klangvorstellung Sciarrinos durchaus entgegen. Postiert ist das Orchester auf der Bühne; ein breiter, das Parkett durchschneidender Steg bildet die Spielfläche, das zahlenmäßig auf 320 Zuschauer begrenzte Publikum kann das Geschehen von den Seiten verfolgen (Ausstattung: Ric Schachtebeck).

Breit strömende Klage

Im Unterschied zu Sciarrinos bisher meist an literarischen oder historischen Vorlagen orientierten Stoffen kombiniert er in dem selbstgeschriebenen Libretto zu „Superflumina“ Texte aus dem Psalm, aus einem Roman der Kanadierin Elisabeth Smart und anderen Quellen zu einer breit strömenden Klage über die schmerzlichen Empfindungen, Gedanken und Sehnsüchte eines verlassenen Menschen.

Das Szenario bildet eine Bahnhofskulisse, in der sich die Hauptfigur, schlicht „La Donna“ genannt, umso einsamer fühlt, je lebendiger und drangvoller es auf dem Bahnsteig zugeht. Eine stringente Handlung ist nicht angestrebt. Sciarrino entspannt eine auf seine Protagonistin zugeschnittene Klage von 100 Minuten Länge, die eher in der Tradition der großen solistischen „Lamenti“ der Renaissance-Meister ihr Vorbild hat als in jüngeren Traditionen des Musiktheaters.

Auch Sciarrinos Prinzip des „Parlato secco“, des „trockenen Sprechens“, wird hier zugunsten ungetrübter Gesangskultur zurückgedrängt, gipfelnd in drei kantablen Liedern der Frau und fast noch eindringlicher in den sphärisch schönen, androgyn reinen Klängen des Countertenors Armin Gramer.

Eine Konzeption, die mit der Besetzung der Titelrolle steht und fällt. Die polnische Sopranistin Anna Radziejewska ist ein Glücksfall. Ihr schrieb Sciarrino die Rolle quasi auf den Leib, sie garantierte schon der Mannheimer Uraufführung ihren Erfolg und vermag auch in Aachen über die lange Distanz alle Facetten des Empfindens und der oft nur angedeuteten Lebensgeschichten ihrer Figur stimmlich und darstellerisch mit ungebrochener Intensität und Konzentration auszuloten.

Eine fast übermenschliche Leistung. Der Chor, zwei Sprecher als Bahnhofspersonal und neben Armin Gramer der Bariton Hrólfur Saemundsson als einziger Gesangssolist bilden nur die Staffage zur Dauerklage der unglücklichen Heldin.

Regisseur Ludger Engels inszeniert das Stück so distanziert, wie es Sciarrino komponierte. Auf dem schlichten Spielsteg bewegen sich die Figuren vor dem Betrachter wie auf einem Laufband des Lebens. Passanten, Polizisten, das Bahnhofspersonal, selbst einen attraktiven jungen Mann nimmt die Frau nur gebrochen wahr.

Diese äußere, umtriebige Welt des Bahnhofs inszeniert Engels mit ritueller Strenge. Die Passanten wirken in ihrem uniformen Gleichschritt wie eine bedrohliche Streitmacht, die auch stellenweise teuflische Fratzen zieht. Eine harte, fremd bestimmte Umwelt, in der sich die Protagonistin umso individueller und differenzierter entfalten kann. Eine Chance, die sich Anna Radziejewska nicht entgehen lässt.

Das Publikum im ausverkauften Theater zeigte sich sichtlich beeindruckt.

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