Aachen - Suermondt-Ludwig-Museum: Die Vielfalt eines Jahrhundertkünstlers

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Suermondt-Ludwig-Museum: Die Vielfalt eines Jahrhundertkünstlers

Von: Eckhard Hoog
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Als Meister der informellen, der nichtgeometrischen abstrakten Malerei ist er berühmt geworden: der gebürtige Aachener Künstler Karl Otto Götz, der am 22. Februar 100 Jahre alt wird. Das Suermondt-Ludwig-Museum dokumentiert ab Sonntag mit seiner Ausstellung auch die „Nebenwege“, zum Beispiel mit diesen Bronzegüssen. Foto: Harald Krömer
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Er hat die Ausstellung zu Karl Otto Götz zusammengestellt: der Kunsthistoriker, Kurator, Götz-Kenner und stellvertretende Direktor der Aachener Museen, Adam C. Oellers.

Aachen. Mit 93 Jahren zieht er sich in seinem Atelier nackt aus – komplett –, wirft sich auf einen Haufen Ton, begräbt sein Gesicht darin und rudert wild mit den Armen, damit das richtig schöne, tiefe Abdrücke ergibt. Kasper König, zu der Zeit Direktor des Museums Ludwig in Köln, beobachtet ihn dabei.

König zu Götz, als der sich wieder anzieht: „Dafür hättest Du dich aber nicht ganz ausziehen müssen!“ Götz, trocken: „Ja, meinst Du denn, ich hätte mir dafür die Klamotten versaut?“ So ist er, der Karl Otto Götz, schlicht K. O. Götz genannt: immer das Herz auf der Zunge und stets den Schalk im Nacken. Seine Freunde und seine Sammler wie der Aachener Ernst Cremer und der Alsdorfer Manfred Kappes können mit unzähligen solcher Anekdoten aufwarten, die K. O. Götz treffend und vergnüglich charakterisieren.

Am 22. Februar wird der gebürtige Aachener Künstler, den der Oberbürgermeister seiner Heimatstadt, Marcel Philipp, mit Recht einen „Jahrhundertkünstler“ nennt, 100 Jahre alt. Das Suermondt-Ludwig-Museum reiht sich nun zu Ehren des Jubilars und zur Freude des Kunstpublikums ein in eine Reihe von gut einem Dutzend K.-O.-Götz-Ausstellungen in ganz Deutschland, die am 13. Dezember mit einer großen Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie in Berlin begonnen hat.

Ein Mensch, der mit über 90 Jahren noch anfängt, mit Keramik zu experimentieren – und wie! Das sagt eigentlich alles über die unbändige Neugier, die vitale Schaffenslust und geradezu kindlich sprühende Spontaneität dieses Künstlers. Das jüngste Bild in der Aachener Ausstellung, das ihr Kurator Adam C. Oellers Götz‘ Frau Rissa erst am vergangenen Wochenende mit vielen guten Worten „entringen“ konnte, ist keine drei Wochen alt. Und das, obgleich der Jubilar seit drei Jahren nichts mehr sehen kann . . .

Sage und schreibe 80 Jahre umspannt diese kleine, aber feine Dokumentation eines großartigen künstlerischen Lebenswerks. Keine Frage, dass die Monumentalwerke aus internationalen Sammlungen der Neuen Nationalgalerie vorbehalten bleiben, dennoch präsentiert die Aachener Schau die ganze Vielfalt des Götz’schen Oeuvres, von den Anfängen bis zum aktuellen Spätwerk. Der Dank gebührt einer Reihe von rheinischen und Aachener Kunstfreunden, die ihr Sammler-Herz an K. O. Götz verloren haben und sich nun auf Zeit von ihren Schätzen trennen.

Sein erstes Atelier hatte der junge K. O. in einer ehemaligen Brauerei hinter der Frankenburg in Aachen. Bereits 1935 ereilte ihn ein Malverbot durch die Nazis – eine Ausstellung von Bildern in Schaufenstern eines Schreibwarengeschäfts am Alexianergraben war der Anlass. Während dieser Zeit experimentierte er mit diversen Techniken; ein „Spritzbild“ aus dem Jahr 1935, das mit Schablonen und aufgesprühter Farbe entstand, ist die früheste Arbeit in der Aachener Retrospektive.

Ab 1933 wagte er es nicht mehr, seine Bilder mit dem eigenen Namenszug zu signieren, der Umriss einer fliegenden Möwe symbolisierte stattdessen einen freiheitlichen Ausdrucksdrang. Das Spritzbild „Das Geschenk“ ist zugleich eine der wenigen Arbeiten aus dem Frühwerk, die erhalten geblieben sind. Fast alles davon ist 1945 bei der Bombardierung Dresdens in seinem späteren Atelier verbrannt.

„Gemälde und Nebenwege“ heißt der Titel der Schau. Zwar gilt Götz als einer der wichtigsten Vertreter der informellen Malerei, der um 1952 herum seinen ureigenen, bis heute hin unverkennbaren Stil entwickelte – doch „nebenher“ blieb er immer auch ein enthusiastischer Jünger des Experiments, der abseits seiner großen Linie nach Lösungen und neuen Schaffensfeldern suchte. So entstanden ab 1959 die „Rasterbilder“, Gemälde aus unzähligen Quadraten, die nach statistischen Regeln mit Farbe gefüllt waren. Gerhard Richter, einer der berühmtesten Schüler Götz‘ während seiner Zeit als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie (1959-1979), führ- te später solche Rasterbilder auf seine Weise in vielen Variationen fort.

Die „Nebenwege“ dokumentieren zugleich die Aufgeschlossenheit des Künstlers gegenüber designerischen Anwendungen seiner künstlerischen Lösungen: Auf Schallplatten- und CD-Hüllen, auf Schlipsen, Ansteckern, Rotweinflaschen, Zierknöpfen und Zifferblättern von Armbanduhren findet sich die typische Farbdynamik der Götz’schen Handschrift. In Sekunden kritzelte er ganze Blockbücher voll mit Schnellzeichnungen, die er ab 2000 – da war er schon 86 – in vollplastische Stahl- und Neonreliefs übertrug. Und man darf vermuten, dass dieser Schalk sein Vergnügen daran hatte, dass Flugdrachen, die in Japan für Furore sorgten, seine informelle Malerei in den Himmel trugen.

Exemplare einer selbst herausgegebenen Kunstzeitschrift erinnern daran, dass Götz ab 1949 das einzige deutsche Mitglied der in Paris gegründeten Künstlergruppe CoBra war. Deutsche Kunst war mit ihm international wieder hoffähig geworden.

Schnelligkeit ist Trumpf: Unter dieser Devise entstand das Hauptwerk, das K. O. Götz ab den 50ern so berühmt gemacht hat. Sein Zauberstab war dabei die Rakel, ein Schieber aus Gummi oder Stahl. Die Methode entdeckte er durch Zufall, als er beim Anrühren von Kleisterfarbe für seinen kleinen Sohn auf die Idee kam, die Farben auf feuchtem Kleistergrund aufzutragen und dann in einer wirbelnden Bewegung mit der Rakel wegzuschleudern. Mit wissenschaftlicher Akribie entwickelte er über Vorzeichnungen und Skizzen eine schier unüberschaubare Vielfalt an Variationen. Götz immer gleich und doch stets anders – so könnte die paradoxe Formel seiner Kunst lauten.

2003 verband er Malerei mit Plastik, indem er Holzplatten in Form von stilisierten Vögeln als Malgrund benutzte. Wohin mag sein „Sperber“ wohl fliegen, was mag er symbolisieren? Das wird K. O. Götz vermutlich seiner Frau Rissa, seiner ehemaligen Schülerin an der Düsseldorfer Akademie, mit der er seit fast 50 Jahren verheiratet ist, verraten haben. Dass er am Sonntag zur Eröffnung der Ausstellung aus dem Westerwald anreisen wird, damit rechnet Oellers nicht.

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