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Strapse und Batzen kontra Finanzkrise: Lehárs „Lustige Witwe”

Von: Armin Kaumanns
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Zu Anfang droht mit tagesaktuellem Bezug die allgemeine Pleite, am Ende siegt der Spaß an allerlei Anzüglichkeiten: „Die lustige Witwe” im Theater Aachen mit Michaela Maria Mayer (Mitte) in der Titelrolle. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Operetten-Regisseure haben´s schwer. Wenn sie in den Partituren, die seit gut 100 Jahren bühnenwirksam fröhliche Urständ feiern, auf der Suche nach tagesaktuellen Bezügen fündig werden, wird die leichte Sache bisweilen so biestig ernst, dass es mit der Unterhaltung vorbei ist.

Adriana Altaras, als Schauspielerin gerühmt, als Regisseurin geachtet, hat nun in ihrer Aachener „Lustigen Witwe” den Staatsbankrott zum Ausgangspunkt der Inszenierung gemacht.

Was bei Lehár noch charmant zweideutig auf ein fiktives osteuropäisches Fürstentum gemünzt war, platzt bei Altaras und ihrer Ausstatterin Yashi Tabassomi mit einem überdimensionierten Porträt eines lakonisch lächelnden Bundespräsidenten Köhler nachgerade starkdeutsch ins Bild.

In brauner Nussbaumoptik

In dunkelbrauner Nussbaumoptik präsentiert sich die Botschaft in Paris, der Halbkreis des Prospekts versprüht den noblen Charme der 70er. Köhlers Vorgänger blicken - ebenfalls in Öl - aus runden Rahmen.

Bei den in süße Töne getunkten Plaudereien über die Schuldenlast des Staates und der rettenden Rolle, die dabei der steinreichen Witwe zukommt, denkt jeder im Saal ans eigene Bankkonto. Da bleibt einem sogar das Schmunzeln über das allgegenwärtige frivole Spiel der Geschlechter im Halse stecken. Wenn da nicht Njegus wäre...

Ja, Heino Cohrs trotzt in der Rolle des livrierten Kanzlisten mit trockenen, abfälligen Bemerkungen über die ihn umgebenden Reichen und Schönen unverdrossen der Depression des ersten Aktes.

Dabei könnte alles so lustig sein: das Treiben der Botschafter-Gattin Valencienne mit Camille (auch sanglich äußerst potent: Tenor Louis Kim), der der Dame seines Herzens deftig an die Wäsche gehen darf, während sie flötet „Ich bin eine anständige Frau”.

Ganz ernst nimmt die Regisseurin jedenfalls auch die Beziehung zwischen Hanna, der steinreichen Witwe, und Danilo, dem unglücklichen, armen Grafen. Kühl gibt sich diese Witwe, auch wenn die wieder einmal musikalisch hinreißende Michaela Maria Mayer sie mit betörend kostbaren Tönen ausstattet.

Die Sopranistin ist wohl noch zu mädchenhaft, um die Rolle der lebensklugen, an Ehe und Versagung gereiften Frau überzeugend auch zu spielen. Und irgendwie scheinen ihr die eher derben Späße einer Operette nicht besonders zu liegen - ganz im Gegenteil etwa zu Eva Bernard, die in der Rolle der Valencienne förmlich aufblüht. Martin Berner ist auch darstellerisch ein äußerst präsenter Danilo, sein Bariton strömt und glänzt, dass es eine Freude ist.

Dass die Aachener Witwe dann aber doch noch lustig wird, hat natürlich mit Lehár zu tun, seinen immer gern wiedergehörten Melodien (die setzt Daniel Jakobi im Graben mit dem Sinfonieorchester Aachen ganz wunderbar in Szene). Und auf sinnfällige Weise damit, dass die Nussbaumwand mehr und mehr verschwindet.

Im zweiten, dem Gartenakt, blicken runde Bullaugen und Aquarien durch die Gartenmauer. Im letzten Akt, dem Nachbau des skandalösen „Maxim”, ist vor lauter Glitzer jeglicher braune Rest getilgt. Und das Aachener Publikum, ob das nun der Regisseurin passt oder nicht, mag es deftig.

Tumultöse Begeisterung begleitete ein Männerballett („Das Studium der Weiber ist schwer”), das sich aus einer Saunaszene im zweiten Akt entwickelt: hinterm weißen Handtuch dralle Männlichkeit, ungeschminkt. Für reichlich Aufsehen sorgen auch Batzen in Massen beim Finalakt, Strapse und allerlei weitere Anzüglichkeiten. Vor solchem Hintergrund lässt es sich dann auch herrlich schnulzen.

Im Publikum sah man Harald Schmidt, die Regisseurin ist eine gute Bekannte von ihm.

Dauer: zweieinviertel Stunden, eine Pause, Nächste Termine: 12., 24. Februar, 1., 11., 14., 20., 21. März

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