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Stefan Rogge: Thomas Mann trifft Adriano Celentano

Von: Jenny Schmetz
Letzte Aktualisierung:
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Wenig dämonische (Ver-)Führerfigur: Thomas Hamm als Zauberer Cipolla. Foto: Marie-Luise Manthei

Aachen. Wie bitte? „Arsch“, „Schwanz“ und „Fotze“? Manch Mann-Jünger oder Deutschlehrer mag da die Nase rümpfen. Da sitzt er im Mörgens und erwartet eine Bühnenversion von Thomas Manns Erzählung „Mario und der Zauberer“ – und dann diese niederen Kraftausdrücke? Die stammen vom Fixstern am deutschen „Hochkultur“-Himmel?

Nö! Aber Stefan Rogge nimmt sich in seiner Aachener Fassung „nach“ Manns Novelle eben alle möglichen Regie-Freiheiten. So macht er aus dem Abiturstoff kein ehrfürchtiges Literaturraschel-Theater, sondern einen manchmal derben, jugendkompatiblen und unterhaltsamen Liederabend – inklusive Autor-Parodie und Mitspieltheater. Auf komisch getrimmt verliert Manns „tragisches Reiseerlebnis“ in einem italienischen Badeort, 1930 erschienen und meist als Parabel auf den heranziehenden Faschismus in Europa gelesen, aber auch einiges an Schärfe.

Ein weißer Holzsteg unter blutrotem Baldachin schneidet die junge Spielstätte in zwei Hälften. Zuschauer zu beiden Seiten dürfen sich wahlweise am Strand oder am Bühnenrand wähnen. Bevor der Zauberer Cipolla dort seinen großen Auftritt hat, ist Stimmungszauber angesagt.

Musiker Malcolm Kemp greift in die E-Gitarrensaiten (später spielt er auch ohne „E-“ oder mit diversem Schlagwerk), das neue Ensemblemitglied Lara Beckmann röhrt auf Italienisch den Adriano-Celentano-Song „Svalutation“, und Felix Strüven liefert auf Papptafeln die Übersetzung. „Wir befinden uns in der Krise“, heißt es zum Beispiel – und man hofft da noch, Thomas Mann könnte hier sogar ans Heute andocken. Aber diese Ahnung erhellt sich nicht.

Nostalgischer Kerzenschimmer

Zunächst bleibte_SSRqs ganz wortwörtlich ziemlich dunkel. Elisabeth Ebeling spricht die ersten Sätze der Erzählung – Wohlklang am Kerzenleuchter – und darf zwischen der ein oder anderen Canzone auch das Chanson „La mer“ anstimmen, um entfernt an den Knef-Abend zu erinnern, den Rogge mit ihr in der Kammer inszeniert hat. Eine düstere, fast traumartige Stimmung erzeugt vor allem der Lichtmangel, aber es ist ein schöner nostalgischer Schimmer wie auf einer Sepia-Fotografie.

Auch die fremdenfeindlichen Attacken gegen den urlaubenden deutschen Vater und seine Familie wirken gedimmt, zumal sie ins Alberne abdriften, wenn etwa eine Socke in der Suppe landet. Gemeiner sind da schon die innerfamiliären Sticheleien der Manns. Die kommen in der Novelle zwar auch nicht vor, aber hier wird der namenlose Ich-Erzähler mit dem Autor kurzgeschlossen – autobiografische Anmerkungen legen das durchaus nahe.

Thomas Hamm spielt also Thomas Mann, mit Brille, Schnäuzer, braunem Anzug – und erntet Lacher, als er Söhnchen Klaus (Lara Beckmann auf Knien) Depressionen einredet, die brutale Geschichte vom Daumenlutscher vorliest oder ihn einfach in den Koffer stopft.

Im Scheinwerferlicht erstrahlt dann die Vorstellung des Magiers Cipolla. Sie zündet aber deutlich weniger als der Beginn des Abends. (Erneut) Thomas Hamm zelebriert einen ziemlich zähen Zauber mit Zahlen, Karten und Hypnose. Die faszinierende (Ver-)Führer-Figur ist bei ihm eher ein verschwitzter Clown, der mit zusammengekniffenen Augen über seine missglückten Tricks lachen muss.

Er furzt, aber versprüht keinen Funken Dämonie. Nur wenn seine Blicke durch die Reihen wandern und er sich Assistenten aus dem Publikum angelt, gewinnt seine These „Willensfreiheit existiert nicht“ Leben. Nein sagt da keiner. Die anderen vier Schauspieler wechseln sich als Erzähler und in verschiedenen Rollen ab, denen vor allem Nadine Kiesewalter – ob als plärrendes Blag oder hosenträgerflitschender Macker – Profil verleiht.

Mann beschreibt wortreich eine unangenehme Atmosphäre, „das eigentümlich Bösartige der Stimmung“. Doch wo ist in der Darstellung das Beunruhigende, Bedrohliche? Das Ende bereitet Kellner Mario (Felix Strüven) mit dem Revolver – aber mit Schrecken? Wie drangepappt folgt noch die Botschaft mit gebrüllten Brecht-Versen: „Worauf wartet ihr? Dass die Tauben mit sich reden lassen?“ Die Zuschauer warten nach 95 Minuten nicht, sondern klatschen heftig – einem Abend, der dann doch erschreckend harmlos war.

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