Spielzeitstart in Mönchengladbach mit Aischylos' „Orestie“

Von: Armin Kaumanns
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Dunkle und blutige Rache-Geschichte: Drei Stunden bemerkenswertes Ensemble-Theater bietet die „Orestie“ in Mönchengladbach mit einer grandiosen Eva Spott als Klytaimestra. Foto: Matthias Stutte

Mönchengladbach. Rache und Gerechtigkeit sind so verwandt wie verschieden. Das ist in diesen Zeiten bei jedem Blick etwa auf Gaza ebenso deutlich wie vor 2500 Jahren, als in Athen die Demokratie geboren wurde. Der Dichter Aischylos nahm diesen epochalen Umbruch zum Anlass, den Mythos um das Geschlecht der Atriden für die Bühne zu gewinnen.

Seine Trilogie „Orestie“ beschreibt in drei antiken Dramen (der komödiantische vierte Teil ist verschollen) eine bluttriefende Geschichte mit Happy End: Der griechische Held und Troja-Bezwinger Agamemnon wird (mitsamt seiner Kriegsbeute Kassandra) von seiner Frau Klytaimestra erschlagen, weil er die gemeinsame Tochter den Göttern opferte. In Teil zwei erschlägt dann Orestes, beider Sohn, in Tateinheit mit seiner Schwester Elektra die Mutter samt ihrem Buhlen. In Teil drei fordern die Rachegöttinnen, die Erinyen, Orestes Tod, was Göttin Athene jedoch abzuwenden weiß, indem sie ein Gericht freier Bürger einberuft, das Orestes verminderte Schuld attestiert und ihn freispricht.

Am Theater Mönchengladbach ist Aischylos’ opus magnum, in der Übersetzung Peter Steins, jetzt in einer Dreistundenfassung von Matthias Gehrt zu erleben. Zur Spielzeiteröffnung versammelt der Schauspieldirektor fast das gesamte Ensemble um sich und führt es zu einer beeindruckenden Leistung. Über den Schluss darf man den Kopf schütteln.

Weit hinein ins Parkett ragt der Steg, mit dem Bühnenbildnerin Gabriele Trinczek den Platz vor dem Palast des Agamemnon mitten in den Zuschauerraum verlängert: Betonplatten mit aus den Fugen sprießendem Gras. Grillen zirpen, als der Held (geschunden: Joachim Henschke) aus dem Krieg heimkehrt, die gefesselte, dumpf ihr Schicksal bebellende Kassandra (Helen Wendt) auf den Schultern. Wenig später liegen beide in ihrem Blut, zur Schau gestellt auf der Treppe des Palastes, der als monumentale rostrote Mauer die Spielfläche nach hinten begrenzt. Klytaimestra (grandios: Eva Spott) triumphiert mit der Axt in Händen. Sie wird an gleicher Stelle am Ende des zweiten Teils im eigenen Blute liegen.

Monumentale Leere prägt die Bühne, sie gibt Raum für archaisches Spiel, in dem neben den Hauptpersonen die Chöre herausragen. Der Chor der Greise, der Frauen, der Erinyen – die kommentierenden, wertenden, voreingenommenen Gruppen stehen im Zentrum von Gehrts Inszenierung. Dabei setzt er dem Publikum nicht eine geschlossene Phalanx vor, sondern individualisiert die Sprechenden, wechselt im rhythmisierten Sprechgesang virtuos zwischen Solo und Tutti. Das ist bestes Handwerk und macht den Chor plastisch, unmittelbar.

Musikantenstadl mit Mörder

Überhaupt rückt Gehrt mit seiner „Orestie“ dem Publikum nah auf den Pelz. Nicht nur mitten im Saal, auch von den Seiten, vom Rang herab wird gespielt, im letzten Teil rekrutiert Athene die „Schöffen“ mitten aus dem Parkett. Hier entführt uns die Regie zuletzt unvermittelt in eine Welt des Glamours. In gespenstisch blau illuminierten Nebelschwaden sinnen die Erinyen mit Klytaimestras Geist auf Rache, während Athene (Esther Keil) auf den Stufen der Showtreppe als poppig vergrößertes Konterfei abgebildet im Glitzerfummel die „Entsühnung“ Orestes vorantreibt. Musical und Musikantenstadl mit Mörder (Cornelius Gebert als Orestes) und Gott (Adrian Linke als Apoll) bewirken, dass aus Rachegöttinnen Eumeniden werden, Wohlgesinnte.

Bleibt die Frage: Ist das Ringen um ein Rechtssystem, das auf der Beteiligung aller fußt, das das fatale „Auge um Auge“ durchbricht, letztlich nichts weiter als Showbiz? Gehrt verschleiert diesen Aspekt jedenfalls eher, als dass er Stellung bezieht. Das Publikum applaudiert wohlwollend.

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