„Spieltrieb” nach Juli Zeh in der Aachener Kammer

Von: Grit Schorn
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Zynische Versuchsanordnung: „Spieltrieb” mit Karsten Meyer, Philipp Manuel Rothkopf und Emilia Rosa de Fries (von links). Foto: Carl Brunn

Aachen. Recht verblüfft wirkte so mancher Premierengast in der Aachener Kammer angesichts der wortmächtigen Bühnenfassung von Juli Zehs Roman „Spieltrieb”.

Die schlicht-graue Spielfläche samt tückischer Lücken, die Halina Kratochwil (auch Kostüme) als Bühnenbild gewählt hat, lenkt unausweichlich den Blick auf die sieben Protagonisten, die kräftig ihrem eigenen „Spieltrieb” frönen können. Drastisch und plastisch macht die Inszenierung von Anne Lenk die Sprach- und Sprengkraft von Zehs Vorlage offenbar.

Im fiktiven Ernst Bloch-Gymnasium in Bonn (der einstigen Schule der 38-jährigen Autorin nachempfunden) langweilt sich die hochbegabte Ada zwischen faulen Mitschülerinnen aus reichem Haus, den „Prinzessinnen”, und bemühten Lehrkräften. Die etwa 15-Jährige ist so eloquent wie sportlich, aber völlig abgehoben und ganz im Schneckenhaus ihrer pubertären Weltverachtung gefangen.

Die vom Leben und den Männern enttäuschte Mutter wirkt allerdings fast unreifer als die kluge, einsame Tochter, die sich schon mal mit dem Mitschüler Olaf, Mitglied einer Band, unterhält. In der Lehrerschaft schätzt sie nur den aufgeschlossenen Sportlehrer Smutek und den skeptischen Herrn Höfi. In einer geradezu surrealen Ausflugsszene mit bunten Schlafsäcken rettet Ada die suizidale Frau Smutek („Schneewittchen”) aus eisigem Wasser.

Sex empfindet sie als etwas „erschreckend Banales”. Nicht zufällig leitet Klaus Lages „Tausendmal berührt” die „Entjungferung” von Olaf ein, die Ada an dem entsetzten 16-Jährigen „vornimmt”. Emilia Rosa de Fries ist in jeder Szene voll und ganz Ada, hin und her geworfen, nüchtern analysierend und völlig verrückt handelnd. Faszinierend: Das Stück wirkt bisweilen verkopft, aber auch immer wieder packend. Besonders als der extrovertierte Alev, etwas älter als Ada, auf den Plan tritt. Schön schillernd verkörpert Philipp Manuel Rothkopf dieses „Alphatier”, das auf seiner Impotenz beharrt und trotz seiner herausragenden Eloquenz Legastheniker und Sitzenbleiber ist. Er gibt den ironischen Mephisto, der ein übergescheites Gretchen unter seinen Einfluss bringt.

Das Duo infernale fühlt sich bald allen überlegen und verachtet ethische Grundsätze und Werte. Die beiden hemmungslosen „Urenkel” der Nihilisten „haben nicht einmal mehr etwas, was sie NICHT glauben können”. Ihre Versuchsanordnung gipfelt in Nietzsches „Amor fati”, der Bejahung des Unausweichlichen, der „Liebe zum Schicksal”. Schicksal spielen wollen sie jetzt selber; Ada soll den sympathischen Smutek verführen und erpressen und letztlich von Zwängen „befreien”.

Mit dosierter Komik spielt Karsten Meyer den verführten Lehrer, dessen „Erguss” die Bühne mehrmals unter Wasser setzt. Julia Brettschneider beeindruckt als „Schneewittchen” und spielt auch eine der „Prinzessinnen”. Subtil und überzeugend Joey Zimmermann in zwei Rollen, besonders als Lehrer Höfi, der den Tod seiner Frau nicht verkraftet. Sehr lebensnah wirkt Gabriele Völsch als Adas Mutter und als Lehrkraft, anrührend Robert Seiler als Olaf.

Das leicht blutige Ende kommt überraschend und lässt ein Publikum zurück, das viel Beifall spendet, aber auch durchaus gespalten wirkt. Zu anspruchsvoll, zu kopflastig? Witzig und klug oder drastisch und vulgär? Ein gutes Theater hat für viele Interpretationen Platz.

Die weiteren Termine,Tickets und Infos

„Spieltrieb” nach dem Roman von Juli Zeh ist noch am 26. Mai, 5., 12., 23., 27. und 30. Juni sowie am 4., 6. und 14. Juli in der Kammer am Theater Aachen zu sehen.
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