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Spannendes Psychodrama in einer Nacht

Von: Sabine Rother
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Die Spannung in dem Stück „O
Die Spannung in dem Stück „Ohne Gesicht” im Aachener Grenzlandtheater ist von Anfang an greifbar: dank der ausgezeichneten Darsteller Ute Wieckhorst und Thomas Pohn. Foto: Kerstin Brandt-Heinrichs

Aachen. In die Haut eines anderen schlüpfen? Die Umgebung narren? Eine Tarnkappe aufziehen und endlich all das tun, was einem bisher verwehrt war? Das ist kein Spiel - es zermürbt, denn aus zwei Persönlichkeiten wird keine dritte, die Psyche verhungert, das Individuum bleibt auf der Strecke, die vermeintliche Freiheit wird zum Kerker der Gefühle.

In ihrem Stück „Ohne Gesicht”, das Regisseur Jens Pesel für das Grenzlandtheater Aachen inszeniert hat, greift Irene Ibsen-Bille (1901-1985), Schriftstellerin, Dramatikerin und Enkelin des Dramatikers Henrik Ibsen, diese Problematik auf.

Dunkler Schatten

In drei Szenen zu jeweils 25 Minuten begleitet das Publikum einen Mann und eine Frau durch einen Tag und eine Nacht. Vincent Demalénes ist ein erfolgreicher Unternehmer. Mit Frau Luise will er seinen 50. Geburtstag in einem eleganten Hotel feiern und so dem gesellschaftlichen Rummel entgegen. Ein dunkler Schatten liegt über der Beziehung: Bei einem Autounfall kam vor 15 Jahren Vincents Zwillingsbruder ums Leben - so heißt es jedenfalls...

Regisseur Jens Pesel, ein erfahrener Mann der Bühne, der unter anderem lange Jahre als Generalintendant erfolgreich die Vereinigten Städtischen Bühnen Krefeld und Mönchengladbach geleitet hat, geht virtuos mit einem Stoff um, der sich zwischen Psychodrama und Verbrechen bewegt. Mit Ute Wieckhorst und Thomas Pohn als Ehepaar Demalénes baut er zügig und geradezu analytisch auf, was schließlich in eine Katastrophe mündet.

Die Spannung zwischen Luise und Vincent ist von Anfang an greifbar - zunächst wortlos, dann in jeder Geste, jedem Blick, jedem Zurückzucken und Ausweichen. Von der tief beunruhigten, ahnungsvollen Frau entwickelt sich Ute Wieckhorst zur entschlossenen und taktierenden Kämpferin, die zuletzt noch für die beiden Kinder der Familie alles wagt und auf persönliches Glück nicht mehr hofft.

Thomas Pohn verkörpert Demalénes zunächst mit lauernder Eleganz und makabrem Spiel, das sich bald gegen ihn richtet. Die intellektuelle Fassade schmilzt weg, ein selbstzerstörerischer Prozess, der schonungslos alle Brüche im Leben des Ehepaars, im Leben der Zwillingsbrüder und nicht zuletzt im Denken, Wünschen und Handeln der Menschen offenlegt.

„Ohne Gesicht” ist ein Stück ohne Ortswechsel, ohne äußere Aktionen, ohne die Chance, Effekte einzubauen. Und von der ersten Minute an nimmt Pesel die Zuschauer mit ins innere Drama der Gestalten, zu denen der unsichtbare Dritte - der tote Zwillingsbruder - gehört.

Den richtigen Raum hierfür hat Siegfried E. Mayer geschaffen (Bühne und Kostüme): eine mit dunklem Holz getäfelte Hotelsuite. Das Fenster wird durch eine Jalousie verschlossen, es gibt schwere schwarze Ledersesseln und einen flackerndem Kamin. Hier fällt das Atmen schwer, verdichten sich die quälenden Gedanken und dumpfen Grundtöne zu bösen Wahrheiten.

Als nahezu unsichtbare dienstbare Geister decken Kellnerin (Sonja Hödl) und Kellner (Markus Hartmeier) geräuschlos und routiniert eine feinen Tisch und holen ihn genauso routiniert wieder ab. Den beiden Gästen ist der Appetit vergangen, und selbst der teure Champagner hilft nicht.

Als Vincent schließlich im karierten Anzug des verunglückten Bruders auftaucht, schaut man selbst als Zuschauer nur noch auf die Spuren der Blutflecken und in das sich zunehmend verzerrende Gesicht eines großen Leidens.

Die Inszenierung ist eine darstellerisch wie regietechnisch geschlossene Leistung mit intensiv gearbeiteter Personenführung und psychologischem Scharfsinn. Man kann sich der Wirkung des Dramas nicht entziehen, den Fragen nach der Lebensnotwendigkeit einer sich abgrenzenden und nur so lebensfähigen Persönlichkeit.

Viel Applaus für Ensemble und Team.
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