Oberhausen - Spannende Sicht auf unerwartete Genüsse

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Spannende Sicht auf unerwartete Genüsse

Von: Eckhard Hoog
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Zeitgenössisches Altarbild von
Zeitgenössisches Altarbild von Claudio Bravo: Christine Vogt, Direktorin der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, zeigt bis zum 12. September eine außergewöhnliche Präsentation der Sammlung Ludwig unter dem Titel „Zu(m) tisch!”. Foto: Eckhard Hoog

Oberhausen. 20.000 Tische auf dem Ruhrschnellweg zwischen Dortmund und Duisburg: Am 18. Juli wird hier die mit 60 Kilometern längste Tafel der Welt errichtet - als Höhepunkt des Kulturhauptstadt-Jahrs Ruhr.2010, annonciert als „Begegnungsstätte der Kulturen, Generationen und Nationen”.

Bis sich Hunderttausende Menschen auf der Autobahn in Fahrtrichtung Duisburg niederlassen, kann man sich in einer mindestens genauso außergewöhnlichen Ausstellung bereits jetzt mit dem Thema des Spektakels auseinandersetzen: „Zu(m) Tisch!” bittet die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen - namentlich Christine Vogt, die hier seit zweieinhalb Jahren als Museumsdirektorin waltet. In Aachen ist die promovierte Kunsthistorikerin noch bestens bekannt als Kuratorin und Dürer-Expertin am Suermondt-Ludwig-Museum.

Panoptikum eines Motivs

Die Schau ist vor allem auch deshalb so spannend, weil hier der gewagte Versuch unternommen wird, die Sammlung Ludwig einmal ganz anders zu präsentieren - als Panoptikum eines Motivs, das im Alltag zwar allgegenwärtig, in der Kunst- und Kulturbetrachtung aber eher links liegen gelassen wird. Der Tisch also - in allen Varianten, wie Kunst und Kunsthandwerk ihn hervorgebracht haben. Die weltweit verteilten Bestände der Sammlung Ludwig bilden den Ausgangspunkt der Ausstellung.

Und man kommt aus dem Staunen wirklich nicht heraus: Was haben Peter und Irene Ludwig nicht alles gesammelt - von wegen nur Pop-Art! Ob Besteck oder Porzellan, altgriechische Keramik, historisches Glas oder Altäre - stets finden sich die kostbarsten und allerfeinsten Objekte in ihrer Kollektion. Christine Vogt ist selbst überwältigt von der Spitzenqualität der Stücke und findet es „unglaublich”, mit welch sicherem Gespür das Paar auf die Jagd nach Kulturschätzen gegangen ist. Die Spannbreite von der Antike bis zur Gegenwart wird dabei locker abgedeckt.

Der Tisch spiegelt die menschliche Existenz, zumal die bürgerliche, in ihrer ganzen Vielfalt wider. Als Altar spielt er im religiösen Leben eine wichtige Rolle, wobei die im Mittelalter entstandenen Ausstattungsstücke den Betrachter auf erhabener Distanz halten - etwa mit jenem kristallgeschmückten Kreuz aus dem Limoges des 13. Jahrhunderts, ein Objekt der Sammlung Ludwig aus dem Aachener Suermondt-Ludwig-Museum. Oder dem silbergetriebenen Augsburger Altärchen von 1620. Ganz anders das Gemälde „Madonna” des Chilenen Claudio Bravo von 1979/80 aus dem Museum Ludwig im Staatlichen Russischen Museum St. Petersburg: hyperrealistisch gemalt das gleiche mittelalterliche Bildschema Altar, aber mit einem schlafenden Christuskind darauf, das wirkt wie ein wirklicher Säugling, die weiß gekleidete junge Frau hinter dem Altar wie eine „echte” Mutter - das schafft eine irritierende, verblüffend zeitgenössische Nähe, die man bei diesem Motiv sonst so gar nicht kennt. Eine erhellende Gegenüberstellung von sakralen Tischen, die erstaunlich viel aussagt über veränderte Denk- und Betrachtungsweisen.

Und so geht es abteilungsweise weiter in der Ausstellung, zum Beispiel mit der edlen Tafelkultur des gedeckten Tischs, gewissermaßen zur Dokumentation eines beachtlich wechselnden Geschmacks und immer neuer Arten von Speisen, die im Laufe der Jahrhunderte aufgetragen und in regelrechten Zeremonien eingenommen wurden.

Aus dem Museum Bamberg

Der größte Teil der Fayencen- und Porzellanbestände der Sammlung Ludwig befindet sich heute im Museum in Bamberg. Die absolut echt wirkenden Fayence-Oliven auf einem Tellerchen von 1754 künden ganz nebenbei von einer possierlichen Sitte im 18. Jahrhundert: Sie dienten einfach dazu, bei Tische zwanglos ins Gespräch zu kommen - wer sich täuschen ließ und sich an ihnen vergriffen hatte, der konnte der belustigten Aufmerksamkeit seines Tischnachbarn sicher sein, und schon hatte man ein Thema......

Daniel Spoerri entwickelt in den 60er Jahren einen durchaus eigentümlich und -willigen Umgang mit dem gedeckten Tisch und wandelt dabei auf den künstlerischen Spuren von Marcel Duchamp und dessen vorgefundenen Objekten: Spoerri befestigt eine buchstäblich „abgefressene” Tafel mit allem Drum und Dran horizontal an der Wand. Auch ein Stillleben!

Der karge Tisch dagegen, als Synonym und Symbol für die gefährdete Existenz passt besser zu einem Temperament wie Pablo Picasso. Die Radierung aus seiner blauen Periode rührt an: Die zwei verhungerten Gestalten sitzen vor trockenem Brot, leeren Gläsern und einem leeren Teller, gleichwohl drapiert auf einem Tischtuch - ein letzter Rest bewahrter Würde.

Aber der Mensch speist nicht nur am Tisch, er arbeitet auch daran. Richard Artschwagers Arbeiter und Arbeiterinnen im Großraumbüro geben in seinem Bild einfühlsam einen Ausdruck von der neuzeitlichen Massenmenschhaltung. Und dass auch Spiel und Glück sehr viel mit Tischen und bisweilen sogar in historischen Dimensionen zu tun haben, beweist das Bild „Kartenhaus” der Moskauerin Natalya Nesterova von 1988, wo drei Herrschaften ein empfindliches Gebilde aus Spielkarten bauen, das jeden Moment in sich zusammenzufallen droht - symbolisch eine Situation des bevorstehenden staatlichen Zerfalls. So kann ein Tisch durchaus Bände sprechen. Yoko Ono, zu Unrecht nur als Frau von John Lennon in den Vordergrund gerückt und eine der bedeutendsten Konzeptkünstlerinnen weltweit, steuert einen weißen Tisch mit friedlichem Schachspiel zur Ausstellung bei - da spielt Weiß gegen Weiß.

Erfolgreicher Dreiklang

„Zu(m) Tisch!”: ein origineller, inspirierender Ansatz von Christine Vogt. Mit dem programmatischen Dreiklang von „Populärer Galerie”, „Hochkultur” und der Dokumentation des Strukturwandels im Ruhrgebiet fährt die Direktorin in Oberhausen schöne Erfolge ein. Die Ausstellung mit Fotos von Jim Rakete schwemmte ihr letztes Jahr allein 26.000 Besucher ins Haus.

„Zu(m) Tisch! Meisterwerke aus der Sammlung Ludwig von der Antike bis Picasso, von Dürer bis Demand”, Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, Konrad-Adenauer-Allee 46) 0208/4124928. Dauer: bis 12. September. Geöffnet: Di.-So. 11-18 Uhr. Eintritt: 6,50, ermäßigt 3,50 Euro. Katalog: 29,80 Euro. Der Aachener Museumsverein lädt am 3. Juli, Abfahrt 9 Uhr, Aachen, Sandkaulstraße, zu einer Tagesexkursion zur Ludwiggalerie und zum Josef-Albers-Museum Bottrop ein. Anmeldung: 0172/5164111
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