Köln - Sowjet-Fotos: Wie Familie Filipow zu Kunst wurde

Sowjet-Fotos: Wie Familie Filipow zu Kunst wurde

Von: Gerd Korinthenberg, dpa
Letzte Aktualisierung:

Köln. Eigentlich war Familie Filipow, die in der Donskaja Straße 59 in Moskau lebte, unauffälliger Sowjet-Durchschnitt. Entdeckt wurden die Filipows 1931 von einer Riege russischer Fotografen, die das Alltagsleben der Arbeiterfamilie in einer idyllischen Szenenfolge festhielten.

Die Motiv-Serien aus Fabrik und Schule, von Hängematten-Schlaf und Anzugkauf wanderten in den folgenden Jahrzehnten zum Beweis des hohen Lebensstandes im jungen Arbeiterparadies rund um die Welt. Heute hängt die propagandistische Sowjet-Soap in wertvollen alten Fotografien an der Wand des Kölner Museums Ludwig.

Die Ausstellung „Politische Bilder” zeigt von diesem Freitag bis zum 31. Januar über 230 seltene historische Aufnahmen aus der Sowjetunion, die an der Schwelle zwischen verfemter Avantgarde und beginnender stalinistischer Kultur-Verkrustung entstanden sind. Dank Förderung durch das Land NRW und durch öffentliche Stiftungen konnte das Kölner Museum jetzt den bedeutenden Bilderschatz aus den Jahren 1918 bis 1941 erwerben und seiner von Peter Ludwig zusammengetragenen umfangreichen Sammlung russischer Avantgardekunst einverleiben.

Natürlich sind die Fotos des Kunstrevolutionärs Aleksander Rodtschenko (1891-1956) der Mittelpunkt der Sammlung, die eine Prager Publizistin seit den 1960er Jahren teils auf abenteuerlichen Wegen in ihre Heimat geholt und bis heute nur sehr selten gezeigt hat. Rodtschenko wollte mit kühnen Diagonalen und schwindelerregenden Perspektiven in der Fotografie, dem Lieblingsmedium der Revolution, der neuen Welt ein neues Bild geben: „Schräge” Strommasten und gewaltige Kraftwerksfassaden künden von stürmischem Fortschritt.

Prägend wirkte Rodtschenkos später als Formalismus verfemte experimentelle Ästhetik auf etliche andere Fotografen. Das beweisen Georgij Selmas tollkühn balancierende „Athleten in Usbekistan” (1927) und die dynamisch durchs Bild huschenden Ruderer des Sportfotografen Georgij Lipskerow noch 1938.

Mit Stalins Abschied von der Idee der Weltrevolution und seiner Doktrin vom Aufbau des Sozialismus zunächst in der UdSSR konzentrierte sich auch die Fotografie auf Reportage-Bilder aus dem roten Riesenreich zwischen Polarmeer und Samarkand. Elend und Übelstände werden dabei durchaus nicht ausgeblendet: So zeigt Maks Alpert 1939 Kolonnen schuftender Zwangsarbeiter - allerdings romantisch verklärt im Sonnenlicht - und wirft Semjon Fridljand einen ernüchternden Blick in ein Moskauer Armen-Asyl.

Doch das Wunschbild der Funktionäre vom Fortschreiten des Sozialismus sollte in den zahlreichen Fotomagazinen anders aussehen, dem Massenpublikum kein fotoästhetisches Experiment mehr zumuten. Fast filmisch dramatisch stampfen nun modernste Eisbrecher durch das grelle Weiß, werden im Sowjet-Orient zum Ornament gereihte Kamele sorgsam getränkt und ein sympathisches junges Paar blickt 1937 auf einem Foto von Boris Ignatovitch - ausgerechnet in der Hochzeit stalinistischer „Säuberungen” - ansteckend fröhlich in seine Zukunft.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert