Selbsterfahrungstrip: „Vincent will Meer“ im Das Da Theater

Von: Marc Wahnemühl
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Spielen die Hauptrollen: Angela Ahlheim (v. l.), Klaus Beleczko und Malte Sachtleben. Foto: A. Bieler

Aachen. Mit der Bühnenfassung des Kino-Erfolgs „Vincent will Meer“ (2010) ist das Das Da Theater in die Spielzeit 2017/2018 gestartet. Harter Tobak und gewiss nicht den einfachste Weg, den sich das Team um Regisseurin Maren Dupont ausgesucht hat.

Der Plot: Die Mutter ist gerade gestorben, der Vater (Daniel Wandelt) ist Politiker und mitten im Wahlkampf – und Sohn Vincent (Malte Sachtleben) hat das Tourettesyndrom und ruft in den unpassendsten Augenblicken Schimpfwörter. Weil der Vater mit Vincent nichts anzufangen weiß, schickt er ihn kurzerhand in eine psychiatrische Anstalt. Dort trifft Vincent auf die schwerst magersüchtige Marie (Angela Ahlheim) und den Zwangsneurotiker Alex (Klaus Beleczko). Marie will abhauen, Vincent will ans Meer, weil er dort noch etwas zu erledigen hat, und so klauen die beiden den Wagen ihrer Ärztin Dr. Rose (Regina Winter). Alex nehmen sie mit.

Was folgt, ist weniger Roadmovie als Selbsterfahrungstrip. Der Ausbruch aus der Klinik ist eigentlich ein Versuch, die eigenen Zwänge und Süchte zu überwinden, die Dämonen abzuschütteln – so oder so. Und auch die vermeintlich „Normalen“, die sich auf die Suche machen, haben ihr Suchtverhalten: nach Zigaretten, nach dem Handy, nach Gewissheit.

Drei große Schwierigkeiten hat Regisseurin Dupont ausgezeichnet gemeistert: Sie hat zum einen nicht versucht, das Stück als Film auf die Bühne zu holen, wenngleich der Verlag als Vorlage das Originaldrehbuch von Florian David Fitz ans Theater geschickt hat. Sie hat sich nicht hinreißen lassen, die komödiantischen Szenen über Gebühr zu betonen, aus dem Drama eine Komödie zu machen: Ja, es gibt viel zu lachen, aber auch einiges zu schlucken. Und sie hat es geschafft, nicht das Auge des Besuchers auf die Reise nach Italien zu schicken, sondern die Phantasie. Den nötigen Theater-Soundtrack dazu bildet Livemusik von Tom Schreyer.

Es sind die Darsteller, die mit ihrem Spiel den Zuschauer das sehen lassen, was sonst die Kinoleinwand zeigt: das Sanatorium, die Fahrt, die Berge, das Meer. Und sie zeigen die inneren Landschaften der Figuren: Was, so lautet die zentrale Frage, würdest du machen, wenn du nicht krank wärest? Es gibt kein Happy End, aber eine Antwort.

Standing Ovations für groß aufspielende Darsteller und eine rundum gelungene Produktion.

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