Schwule Cowboys singen in der Oper

Von: Eckhard Hoog und Jenny Schmetz
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Der Wind steht gut: Das Theater Aachen surft auf der Erfolgswelle.
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Ein Berg von Spielzeit-Magazinen wartet auf die Zuschauer: Schauspielchefin Inge Zeppenfeld (v. l.), Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck, Generalmusikdirektor Kazem Abdullah und der stellvertretende Verwaltungsdirektor Lothar Lennartz stellten ihre Pläne vor. Foto: Harald Krömer

Aachen. „Ich kann es gar nicht glauben: Es ist meine zehnte Spielzeit“, wundert sich Aachens Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck bei der Vorstellung des Programms der kommenden Saison. „Und es macht immer noch Spaß.“

Er weiß zwar nicht, ob er sich bereits „Aachener nennen kann“, erinnert sich aber noch genau an das Motto seiner ersten Spielzeit: „Glücklich überleben.“ Für 2014/2015 wird solch ein Obertitel abgeschafft: „Wir haben gemerkt, dass wir uns wiederholen. Wir kommen aus der Krise ja nicht heraus.“ Einen Leitfaden für das Programm des Schauspiels nennt Chefdramaturgin Inge Zeppenfeld dann aber doch: Demokratie, angeregt durch die in der Öffentlichkeit verbreitete Rede von einer „Ära der Demokratie“, womit das eigentlich als naturgegeben empfundene Phänomen als Garant für alle Rechte und Freiheiten, für Humanismus und Pazifismus plötzlich infrage gestellt werde.

Das Schauspiel: „Was ist uns Demokratie wert?“ Gleich mehrere der 15 Stücke sollen diese am Puls der Zeit gefühlte Frage umkreisen: zum Beispiel „Manderlay“, eine Bühnenadaption des gleichnamigen Spielfilms von Lars von Trier. Darin geht es um die Vergeblichkeit, Sklaven zu einem selbstbestimmten Leben zu verhelfen. Oder „Der Prozess“, ein Stück nach dem Roman von Franz Kafka, der bekanntermaßen vom Leben in einem rechtsfreien System handelt.

Und auch eine ganz neue Reihe, die aus der Taufe gehoben wird, passt zu dem roten Faden im Schauspiel: „Urban Girls“. Dabei soll die Frage im Vordergrund stehen, welche Bedeutung heute noch das Thema Emanzipation für junge Frauen hat. Geplant ist ein Doppelabend in der Kammer mit „Gilgi, eine von uns“ von Irmgard Keun und „Die Reiherkönigin. Ein Rap“ von Dorota Maslowska.

Neue Wege beschreitet das Theater Aachen mit der leitfadengetreuen Uraufführung einer Doku-Science-Fiction mit dem Titel „2050“ über die Prognose, dass in jenem Jahr zehn Milliarden Menschen die Welt bevölkern werden. „Wir veranstalten in Aachen einen Weltkongress“, sagt Zeppenfeld. Die Themen: mit welchen Ideen eine bedrohliche Wasserknappheit oder eine explosive kriegerische Völkerwanderungswelle verhindert werden können. Die Inszenierung von Christina Rast soll engagierte Produktionen wie „Tiere essen“ aus der laufenden Saison unter anderen Vorzeichen fortsetzen.

Das Musiktheater: „Eine Spielzeit der großen Liebespaare“ kündigt Schmitz-Aufterbeck an. Leidende Liebende natürlich – wer leidet in der Oper nicht gern?! Das Spek-trum reicht vom Barock bis in die Gegenwart – und immer deutlicher lassen sich die Vorlieben von Generalmusikdirektor Kazem Abdullah erkennen. Nach dem Theaterfest am 20. September präsentiert der 34-Jährige tags darauf zum Saisonstart im Großen Haus Klänge aus seiner amerikanischen Heimat: mit Leonard Bernsteins Musical-Klassiker „West Side Story“ – zuletzt 1992/1993 am Aachener Theater zu erleben, ein Riesenerfolg zum Beginn der Intendanz Elmar Ottenthals. Nun inszeniert Ewa Teilmans Romeo und Julia in der Großstadt, unterstützt vom niederländischen Choreographen Joost Vrouenraets, mit Sängern und Schauspielern aus dem Ensemble sowie 24 Tänzern.

Ein Amerikaner mit finnischen Wurzeln ist der Komponist Charles Wuorinen. Seine brandneue Oper „Brokeback Mountain“ vertont die tragische Liebesgeschichte zweier schwuler Cowboys – weltbekannt wurde sie durch den oscargekrönten Hollywood-Film von Ang Lee. Das Theater darf sich überregionaler Aufmerksamkeit sicher sein, denn es zeigt die deutsche Erstaufführung – mit Abdullah am Pult und in der Regie von Ex-Chefregisseur Ludger Engels. Die Kritiken nach der Weltpremiere in Madrid waren durchwachsen, da kann Aachen also noch was rausholen!

Seine Serie mit Verdi-Opern setzt Abdullah nach „Simon Boccanegra“ und „Don Carlo“ mit der Schiller-Vertonung „Luisa Miller“ fort. Auch die slawische Oper liegt ihm am Herzen: Nach Dvoáks „Rusalka“ in dieser Saison ist ab 2015 Janáeks „Jenufa“ zu erleben – wieder mit der Sopranistin Linda Ballova in der Titelpartie. Der neue erste Kapellmeister Justus Thorau wird den Händel-Zyklus mit „Orlando“ vollenden und hat noch eine Portion deutsche Romantik parat: mit Webers „Freischütz“.

Das Familienstück: Die Produktion für Menschen ab sechs Jahren heißt diesmal „Die Schneekönigin“ nach einem Märchen von Andersen. Der Splitter eines vom Teufel fabrizierten Zauberspiegels trifft darin den kleinen Kay, der die Welt plötzlich mit ganz anderen Augen betrachtet. Die Küsse der Schneekönigin haben sein Herz gefrieren lassen. Nachdem er verschwunden ist, bricht Gerda auf zu einer abenteuerlichen Suche . . .

Die Regisseure: Man setzt auf eine Mischung aus bewährten und neuen Kräften. Ewa Teilmans etwa inszeniert auch die Klamotte „Der nackte Wahnsinn“ und ein weiteres JVA-Projekt: „Knast sucht den Superstar“. Vor dem Schwulen-Melodram schlägt sich Ludger Engels im Schauspiel „Gift“ mit Eheproblemen herum. Und Ex-Schauspielchef Michael Helle widmet sich in „Jenufa“ packenden Frauenschicksalen. Erstmals in Aachen inszenieren der scheidende Wuppertaler Schauspielintendant, Christian von Treskow (Kafkas „Prozess“), und der Italiener Mario Corradi (Verdis „Luisa Miller“).

Das Publikum: Schauspielchefin Inge Zeppenfeld freut sich ganz besonders über das ausgesprochen gemischte Publikum, vor allem in der Kammer und im Mörgens mit ebenso vielen jungen wie älteren Menschen. Auch nicht unerfreulich: Geschätzt wird schon jetzt, dass die Rekordzuschauerzahl von 160 000 auch in der laufenden Saison wieder erreicht wird.

Zahlen: Den Gesamtetat gibt Lothar Lennartz, stellvertretender Verwaltungsdirektor des Theaters, mit 19,5 Millionen Euro an. Die Summe der Gagen beträgt davon 17,5 Millionen Euro. Der Betriebskostenzuschuss liegt bei 19,427 Euro. Anvisiert wird ein ausgeglichener Haushalt. Die Ticketpreise bleiben stabil. Nur für das aufwendige Musical gibt es einen Zuschlag von ein bis fünf Euro. Der Vorverkauf für die Eröffnungspremieren startet heute.

Die Spielzeithefte: Sie sind ab sofort im Theater erhältlich – in Magazinform mit großen Bildern und kleinen Texten. Außerdem werden die Hefte in Aachen verteilt und an die Abonnenten verschickt.

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