Aachen - Schuberts Punktsieg beim 5. Sinfoniekonzert

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Schuberts Punktsieg beim 5. Sinfoniekonzert

Von: Pedro Obiera
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Das Programm des 5. Sinfoniekonzerts der Saison im wie immer nahezu voll besetzten Aachener Eurogress weckte auf dem Papier Erwartungen, die nur teilweise eingelöst werden konnten. Dass Franz Schubert in den Jahren um 1822 etliche symphonische Fragmente hinterlassen hat, zu denen auch die berühmte „Unvollendete“ gehört, ist bekannt.

 Seit einiger Zeit kursieren auch Skizzen zu einer 10. Symphonie aus Schuberts Todesjahr 1828, die Luciano Berio zu einem mächtigen „Klangfresko“ aufbereitete. Der amerikanische Gastdirigent Eric Nielsen stellte Berios „Rendering“ der „Unvollendeten“ gegenüber, wobei der Punktsieg eindeutig zugunsten der beiden von Schubert vollständig auskomponierten Sätze der „Unvollendeten“ ausfällt.

Nielsen präsentierte mit dem Aachener Sinfonieorchester ein recht konventionelles Schubert-Bild: Ein weicher, voluminöser Grundklang in gemessenen Tempi, mild abgefederten Akzenten und extremen Tempodehnungen. Eine leise Interpretation, die Schubert quasi aus der Perspektive Mahlers wie eine verschleierte Erinnerung an vergangene Zeiten erklingen lässt. Keine sensationelle Darstellung, aber von Nielsen und dem klangschön aufspielenden Orchester sehr konsequent und damit letztlich überzeugend umgesetzt.

Die Lücken der komplexen Skizzen zu einem möglicherweise als 10. Sinfonie angedachten Orchesterstück Schuberts füllt Berio in „Rendering“ mit Anklängen an andere Spätwerke Schuberts und eigenen, mit silbrigen Celesta-Tönen fast verklärten Klangelementen aus, die er schlicht als „Zement“ bezeichnet. Es ist schwer, in dem eng mit einander verzahnten Geflecht aus Schubert und Berio die angeblich zukunftsweisende Kraft der skizzierten Musik auszumachen. Zumal Nielsen die fast 40-minütige Collage zwar ebenso sensibel wie die „Unvollendete“ dirigierte, was in diesem Fall aber nicht zu einem Gewinn an Spannung beitrug, sondern allenfalls die unhandliche Länge des Konstrukts betonte.

Den Höhepunkt des Abends bildete die mit einem Trauerflor versehene „Unvollendete“. Warum nach diesem zart ausklingenden Geniestreich für Anton Bruckners gerade einmal zehnminütigen 150. Psalm der Opernchor und der Sinfonische Chor Aachen mobilisiert werden mussten, bleibt rätselhaft. Nielsen drehte hier mächtig auf, ließ Chor und Orchester nahezu ungefiltert rau erschallen und betonierte die gerade verklungenen zarten Schubert-Klänge gnadenlos zu. Eine bedenkliche Werkfolge, mit der man weder den Chören noch Bruckner einen Gefallen tat, dessen Ouvertüre in g-Moll Nielsen zum Auftakt des Abends erheblich behutsamer behandelte.

Freundlicher Beifall für einen ungewöhnlichen Konzertabend.

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