Schrittmacherfestival: Italienische Leidenschaft in der Fabrikhalle

Von: Sabine Rother
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Volles Haus, viel Applaus: Das Publikum feiert die Inszenierung „AriadneAmore“. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Er liebt es, die Dinge auf die Spitze zu treiben: Der Italiener Emanuele Soavi, zuvor Mitglied im Ballett Dortmund und in der niederländischen Kompanie Introdans, arbeitet seit 2006 als freischaffender Choreograph. 2011 erhielt er den Kölner Darstellerpreis.

Beim Schrittmacher-Festival Aachen in der Fabrik Stahlbau Strang präsentierte die „Emanuele Soavi incompany” dem Publikum „AriadneAmore”, ein 85-Minuten-Stück. „AriadneAmore” ist Teil eines Mythenprojeks in Kooperation mit der Compagnie, dem Komponisten Wolfgang Voigt, der Lichtdesignerin Cristina Spelti und dem Dramaturgen Stefan Bohne.

Soavi sorgt für grandiose Bilder, die sieben Tänzerinnen und ein Tänzer umsetzen, überwacht von einem Spielleiter im überhöhten Pult, einer seltsam steifen Gestalt, die aber im Gedanken an das Szenarium der griechischen Tragödie Sinn ergibt. Die Bühne ist modern und dennoch mit archaischen Versatzstücken ausgestaltet – variable Raumelemente in einer dunkel-metallischen Optik, die im Laufe des Stücks mal Palast, mal Labyrinth werden. Wie abgestreifte Häute bilden durchbrochene Vorhänge aus Strumpfhosen die Abgrenzungen zu den beiden Seiten und zum Bühnenhintergrund. Und tatsächlich wird sich in einer Szene der Tänzer als neuer Mensch aus seinem Strumpf-Kokon befreien.

Wenn im Programm zur Interpretation von „AriadneAmore” vom „freudvollen Universum aus Weiblichkeit, Sexualität und Göttlichkeit” die Rede ist, gestaltet sich das spannungsreiche Stück zunächst zwar hocherotisch, zeigt aber noch andere Aspekte.

Spezielle Sprache

Ariadne, Tochter des kretischen Königs Minos, die Theseus half, den Minotauros zu besiegen, ist Fruchtbarkeitsgöttin und dennoch eine unglücklich liebende Frau, erfüllt von widersprüchlichen Leidenschaften. Soavi rückt dies in den Mittelpunkt seiner Choreographie, die eher dem szenischen Tanztheater zuzuordnen ist. Ihm steht ein spiel- und extrem tanzerfahrenes Ensemble zur Verfügung, das seine spezielle Sprache umsetzen kann.

Was zunächst wie ein lockerer Bühnenaufbau beginnt, bei dem ein junges Paar die erste Annäherung austestet, wird hingeführt zum Drama. Ariadne, das rauschende, lockende Meer, Theseus, die unerfüllte Sehnsucht. Hier bereits steigert sich der Tanz der Frauen zum nahezu hysterischen Höhepunkt einer Anziehungskraft, die fast suizidal endet. Mit leidenschaftlicher Körpersprache und wehendem Haar setzen das die Tänzerinnen um. Atemlos folgt man der rascher wiederholten Bewegungsabfolge – die verzweifelte Frau wird von den Gespielinnen immer wieder aufgefangen, festgehalten, getröstet. Das berührt.

Dann die Gestalt der Urmutter mit einem Gewand aus schwarzen Luftballons, die wie Eier aussehen, die auf Befruchtung warten, pumpend, ächzend, schwer gebärend. Auch dies eine verstörende Szene.

Ariadne, für Soavi Anwältin der Leidenschaft, bietet ein Kaleidoskop aus miteinander ringenden Emotionen, die in diesem Stück in eckiger, fast spastischer Körpersprache daherkommen, umgesetzt von glänzenden, tänzerisch höchst motivierten Mitgliedern einer ungewöhnlichen Compagnie. Das Meer rauscht, die Sehnsucht strömt wie Magnetismus durch die Gestalten. Da blühen musikalische Motive aus barocken Opern oder höfischen Tanzszenen auf, die in den Bewegungsabläufen schön aufgefangen, aber letztlich nicht weiter verfolgt werden. Schade.

Der Minotauros ist besiegt, doch sein braunweißes Fell hat noch immer Testosteron und Anziehungskraft. Zum verschämten und zugleich gierigen Liebesspiel verschwinden Mann und Frauen darunter und tauchen verändert wieder auf – quietschend weiblich der junge Mann, selbstbewusst benommen die Frauen. Wieder eine Metamorphose.

Nach solchen Analysen, die häufig eine offene, aber dennoch einseitige Sicht des Italieners auf das Frau-Sein dokumentieren, drängt es Soavi hin zum großen Bild, zur Tempelszene am Altar, zum Ensemble, das sich barbusig präsentiert und in lasziven Wellenbewegung dem Schicksal hingibt. Die Inszenierung gipfelt in einem großen Bild, bei dem alle, Mann und Frauen, in fließenden Gewändern wie wehende Seeanemonen über die Bühne wirbeln, um schneller und schneller den Rückwärtsgang einzulegen, eine Szene von großer Magie und archaischer Kraft. Emanuele Soavi ist ein grüblerischer Künstler, mehr Gestalter als Choreograph. Viel Applaus, obwohl er es seinem Publikum nicht gerade leicht gemacht hat.

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