Whatsapp Freisteller

Schrittmacher: Wilde Leidenschaft aus Korea

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
5114344.jpg
Voller Energie: die Sungsoo Ahn Pick-up Group beim Schrittmacher-Festival. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Der kraftvolle Männerkörper erbebt im fordernden Schlag der Trommel, die Szene ist mystisch, die geballte, fast schmerzliche Leidenschaft so nah, dass man selbst als Zuschauer den Atem anhält. Zwei koreanische Compagnien liefern beim Schrittmacher-Tanzfestival in der Aachener Fabrik Stahlbau Strang eine weitere faszinierende Facette.

 Es sind Könner mit klassischem Potenzial und dem Einfühlungsvermögen, große Gedanken und Gefühle in gewaltige und differenzierte Bilder umzusetzen: Das Ahn Soo-young Dance Project und die Sungsoo Ahn Pick-up Group haben für diesen Abend zwei Werke ausgewählt, die jeder zu kennen glaubt. Ein Irrtum, denn die Koreaner erfinden sowohl Tschaikowskys „Schwanensee“ als auch Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ in ihren Choreographien neu.

Zu Tschaikowskys Ballettmusik „Schwanensee“ treffen sich drei Männer und eine Frau auf der kargen Bühne. Ihre Kleidung ist unspektakulär, Hosen, Jacken, alles dunkel, bequem und locker, denn die vier verlegen die Geschichte von Empfindsamkeit, Hingabe und gebrochenem Herzen auf die staubige Straße. Ihre Sprache ist Hip-Hop, Modern Dance und Akrobatik in reinster Form, atmosphärisches Knacken und Knistern erhöht die Spannung. Die Muster lösen sich auf, es tritt eine spröde und zugleich sinnliche Harmonie ein. Eine junge freche Truppe tanzt ihren persönlichen „Schwanensee“. Erschüttert stürzen die Tänzerinnen und Tänzer zu Boden, krümmen sich in embryonaler Verlorenheit, um neue Kraft zu finden und sich neuen Gefühlen zu öffnen. Und dann gibt es mitten in mechanischer Perfektion plötzlich sanft flatternde Hände – Schwanenflügel eben.

Soo-young Ahn, der selbst mittanzt und in der ersten schlichten Szene dem Publikum ernst entgegengeht, setzt kleine Brüche ein, damit das alles seine Leichtigkeit behält, so etwa in Szenen, bei denen sich die Tänzerin mit wallend rotem Haar und hübschen Rundungen der grapschenden Übergriffe ihres skurrilen Partners erwehren muss – eine Passage mit deftigem Witz.

Glühende Leidenschaft unter kühler, straffer Disziplin spürt man bei Sungsoo Ahns Stück „Rose“, eine zeitnahe Interpretation von Igor Strawinskys „Sacre du Printemps“. Die von ihm 1991 gegründete Songsoo Ahn Pick-up Group – zwei athletische Männer und drei sehr unterschiedliche Frauen – zelebriert das Frühlingsopfer in all seinen glühenden Farben. Dunkle Wickelhosen, blanke Haut bei den Männern, hautfarbene Oberteile bei den Frauen unterstreichen den Eindruck von Strenge. Da ist nichts beliebig, keine Pose Spielerei, wird die Compagnie wieder und wieder zu einem einzigen bebenden, hoch gespannten Körper. Sungsoo Ahn verbindet archaisches Ritual mit klassischer Moderne.

Aufbrechende Lebenskraft, der Kampf um den Vorrang in der Gruppe, das pulsierende Element der aufsteigenden Energien bringt diese Truppe bis an den Rand der Erschöpfung. Duelle liefern sich besonders die beiden Männer, zwei Tänzer der besonderen Klasse. Hier wird Strawinskys wilde Musik körperlich. Begeisterter Applaus der Zuschauer. Eine besondere Ehre für die Künstler aus Korea: Ihr Botschafter Jae-shin Kim hatte zusammen mit seiner Frau das Gastspiel seiner Landsleute zum Anlass genommen, nach Aachen zu reisen. Wie alle anderen applaudieren auch sie nach Kräften.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert