Aachen - Schrittmacher-Festival: Wo Körper zum Uhrwerk verschmelzen

Schrittmacher-Festival: Wo Körper zum Uhrwerk verschmelzen

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
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Leben im Takt der Uhrzeiger: 420People beim Schrittmacher-Festival 2014. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Sie sind jung, modern, muskulös und mit jeder Faser konzentriert: Die acht Tänzer (drei Frauen, fünf Männer) der 2007 von Václav Kuneš und Nataša Novotná in Prag gegründeten tschechischen Compagnie 420People umgibt das Flair einer besonderen Herkunft – beide entstammen dem großartigen Nederlands Dans Theater, dessen Tradition einer internationalen Zusammenarbeit sie fortführen.

In Aachen eröffneten sie mit drei sehr unterschiedlichen Stücken das 19. Schrittmacher-Tanzfestival im außergewöhnlichen Industrieambiente der Fabrik Stahlbau Strang, die längst zur Adresse neuester Entwicklungen im Bereich des multimedialen Modern Dance avanciert ist.

Starke städtische Marke

So kann Veranstaltungsleiter und Festivalgründer Rick Takvorian zur Eröffnung nicht nur Kooperationspartner Bas Schoonderwoerd, Direktor des Heerlener Parkstad Theaters, begrüßen, sondern auch Susanne Schwier, die neue Kulturdezernentin von Aachen. „Schrittmacher ist eine starke städtische Marke mit Strahlkraft in die Region hinein“, freut sich Susanne Schwier auf ihre erste Begegnung mit dem renommierten Festival, während sich im Hintergrund die Compagnie bereits hüpfend aufwärmt.

„Wind-up“, eine umfangreiche Choreographie von Václav Kuneš, beginnt spielerisch und bodenständig. Schwere Holzpaletten, auf denen schon zu Beginn die Video-Konterfeis der Akteure für irritierenden Blickkontakt gesorgt hatten, werden zu Bewegungsobjekten. Zwei Frauen und vier Männer agieren weich, spielerisch, akrobatisch. Sie entwickeln wie ein unternehmungslustiger Bautrupp in praktischer Arbeitskleidung zunächst kraftvolle Bilder. Wobei ein tänzerischer Ausreißer schmunzeln lässt: einer, der gekonnt „aus der Reihe tanzt“. Durch ihn gelingen dem Choreographen witzige Brechungen.

Der Ernst der Aktionen nimmt zu, 420People zeigen, wo ihre Stärken liegen: im Ausloten größter tänzerischer Ausdrucksmöglichkeiten vom klassischen Ballett über Modern Dance bis zu Break Dance und Pantomime. Vier Männer haben einander eng untergehakt und gestalten eine faszinierende synchrone Sequenz. Die Frauen reagieren mit eigenwillig bizarren Bewegungsmustern.

Sprüngen, die an Aktionen von Basketballspielen erinnern, folgen weiche Biegungen. Mehr und mehr erklären sich die Bilder dieser Choreographie – „Wind-up“, die mechanische Tyrannei der Uhr, ergreift Körper und Seelen. Kuneš lässt das Ensemble eine unwiderstehliche Zeichensprache entwickeln – zackig straffe Zeigerbewegungen der Arme, unausweichliche Bewegungsabläufe, die flirrende, sich in quälerischer Exaktheit wiederholende Gestik der flatternden Hände vor dem Oberkörper.

Das ist die alles beherrschende „Unruh“, bestimmendes Bauteil eines Uhrwerkes. Die Körper werden wie Roboter in diesen Rhythmus gezwungen, werden schließlich in Slow-Motion zu Elementen eines ewigen Welt-Uhrwerks. Das alles gelingt tänzerisch souverän und (scheinbar) mühelos.

Dann Weckergeklingel, das sich zur fordernden Melodie entwickelt – eine hypnotisch tickende Komposition von Amos Ben-Tal, der man sich auch als Zuschauer kaum entziehen kann. Und so bleibt es auch bei „14’20“, einem tänzerischen Duett von Jii Kylián zur Musik von Dirk Haubrich, das Kylián zum 25. Geburtstag des Nederlands Dans Theaters II im Jahre 2002 entwickelt hat. Hände wie Keime, die heftig zum Licht streben, atmende Haut, seidige Körper, die sich schließlich verpuppen: Sie verschwinden unter dem Bodenbelag wie Organismen, deren Zeit noch nicht reif ist.

Programm geändert

Nach großen Gedankenbögen wirkt das dritte Stück „Mirage“ (Václav Kuneš/Ensemble), in dem sich 420People dem Phänomen von Lachen und Lächerlichkeit widmen, etwas fremd. Ein tölpelhafter Moderator, ein kichernder, lachender Mann auf der Bühne, in dessen Prusten bald sogar ein Teil des Publikums einstimmt? Na ja, man möchte den Zuschauern den Spiegel vorhalten.

Begleitende Experimente mit schwindelnd hoch gestapelten Bierkästen sind nochmals eine Gelegenheit, gewagte Aktionen vom Feinsten zu zeigen. Die Filmprojektion mit launigem Kommentar über Rudelverhalten in der Tier- beziehungsweise Tänzerwelt ist verzichtbar, schmälert aber die übrigen Leistungen nicht. Hier hat Veranstaltungsleiter Takvorian schnell reagiert, die Reihenfolge der Stücke umgestellt und das Video für die folgenden Abende gestrichen. Eine gute Entscheidung. Rundum ein spannender Abend und ein angemessener Schrittmacher-Start.

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