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Schrittmacher-Festival: Faszination am neuen Ort

Von: Sabine Rother
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Perfekte Körperbeherrschung, faszinierender Ausdruck: Die Spellbound Dance Company aus Italien eröffnete das 16. Schrittmacher-Festival in Aachen, das mit der Fabrik Stahlbar Strang ein neues und eindrucksvolles Domizil einweihte. Foto: Stefan Schröder

Aachen. Wie biegsam kann der menschliche Körper sein? Welche Perfektion erreichen zehn Tänzerinnen und Tänzer in ihrer Kunst des intuitiven Gleichklangs von Bewegung und Aktion? Zwei Fragen, die man nach einem Abend mit der Spellbound Dance Company neu stellen muss.

Denn zum Auftakt des international renommierten Festivals Schrittmacher in Aachen zeigten die Gäste aus Italien Atemberaubende 60 Minuten Tanzkunst.

Bühne und Ambiente des Festivals, das seinen bisherigen Standort im Ludwig Forum für Internationale Kunst verlassen musste, sind neu und erfreulich inspirierend. In der Fabrik Stahlbau Strang an der Philipsstraße 2 verbindet sich jetzt das alle künstlerischen Grenzen überschreitende Ereignis, das bereits in die 16. Veranstaltungsrunde geht, mit dem attraktiven Ernst und den kraftvollen Spuren einer industriellen Geschichte.

Glühende Heizstrahler

Hier wurde einst mit Stahl gearbeitet, und die rot glühenden Heizstrahler an der hohen Decke der Werkhalle, wo man sogar noch riesige Haken entdecken kann, sorgen für interessante Assoziationen. Das Gerüst der Publikumstribüne, der unebene leicht staubige Boden, am oberen Umgang belassene Sicherheitsgitter, ein improvisiertes Foyer mit Werken des kubanischen Künstlers Antonio Nunez - alle das beeindruckt den Zuschauer, der durch eine kleine Tür mit dem bescheidenen Schildchen „Schrittmacher” eintritt.

Rick Takvorian, Gründer und Leiter des Festivals, konnte sich zum besonderen Auftakt 2011 vor Komplimenten kaum retten, gab sie aber auch kräftig weiter - unter anderem an die Architekten, die bei der Umsetzung der Planungen geholfen haben. Der Ortswechsel ist trotz knapper Zeitvorgabe gelungen - nicht zuletzt auch aufgrund eines Entgegenkommens der Besitzer-Familie.

Für sie überreichte Georg Born Jr. dem Festivalleiter als Glücksbringer ein historisches Werkzeug aus der Stahl-Zeit: Eine große Zange, damit Takvorian auch „weiterhin heiße Eisen anfassen” kann. Mit drei Bussen reisten zum Auftakt Festivalbesucher aus den Regionen der Kooperationspartner Lüttich, Maastricht, Heerlen und Hasselt an.

Bis zum 27. Februar (danach bis 7. April im Theater Heerlen) bietet nun die tiefe schwarze Bühne, ausgestattet mit professioneller Technik, viel Raum für Assoziationen und getanzte Geschichten.

Wiedergeburt, Kraft und das Ringen um einen Neuanfang

Am ersten Wochenende - wie passend - wurden Wiedergeburt, Kraft und das Ringen um einen Neuanfang thematisiert: „Down-shifting”, eine Choreografie von Mauro Astolfi, ist die filigrane Umsetzung extrem starker Gefühle und tiefer Gedanken. Sechs Tänzerinnen und drei Tänzer setzen in höchster Ästhetik komplizierte Emotionen um. Da sucht und verliert man einander oder schreckte enttäuscht zurück, gibt es sehnsüchtige Gefühlen, die auf den anderen oder die andere projiziert werden. Ausweichen und Nähe, zärtlicher Impuls und aggressives Abwenden sind verflochten im Bewegungsfluss. Die Schönheit der muskulösen und doch zart wirkenden Körper wird in einer eher unterschwelligen Erotik zum starken Spannungselement. Hier sorgt der Choreograph für Aktionen, die besonders die Po-Rundungen der Frauen wiederholt und reizvoll zum Einsatz bringen.

Musikalisch bewegt man sich in Sphären zwischen Klangcollage, Meditation, harter Rhythmik und Klassik bis hin zur strengen Form eines Johann Sebastian Bach. Geige und Cello sind dabei wunderbare und bevorzugte Klangpartner des Tanzes. Wie vielseitig, akrobatisch und spielerisch im Ausdruck die Company sein kann zeigt sie im zweiten Teil. „Nafas” - ein Begriff, in dem indische und arabische Mystik mitschwingen, hat ­mit werdendem Leben, Atem und dynamischer Lebenskraft zu tun.

Hier sind vom Zuschauer Einfühlungsvermögen und die Bereitschaft gefordert, persönliche Assoziationen zu entwickeln. Und das gelingt, den die Company bietet tiefgründige Bilder. Ob sich nun die Leiber wie in geheimen Geburtskanälen zwischen kleinen gestapelten Tischchen hindurchwinden, sich Mitglieder der Truppe wie heranschwirrende Vögel auf den schmalen Flächen drängen wie auf einem Nest und im nächsten Moment wieder voreinander fliehen oder im nie endenden Geschlechterkampf ringen.

Mühelos und federleicht

Auch hier wieder: Die Bewegungen fließen, die kompliziertesten Aktionen, Verschlingungen, Hebungen und Drehungen wirken federleicht und mühelos. Schließlich dann nach allen möglichen Ausprägungen individueller Freiheitsgedanken und Spielarten ein deprimierendes Schlussbild: Menschen, die ihre Biegsamkeit den eckigen Bewegungen von Marionetten geopfert haben, laufen auf vorgezeichneten Linien und mit hängenden Köpfen im Gleichschritt hintereinander - eine Mahnung, aus „Naftas”, dem großen Atem, mit aller Kraft ein freien Leben zu machen? Stürmischer Beifall dröhnt in der Halle. Die Gäste freuen sich und applaudieren ihrerseits einem aufmerksamen Schrittmacher-Publikum.

Nächste Termine, Informationen und Kooperation mit dem Theater Heerlen

Nächste Termine: Freitag, 11. Februar, bis Sonntag, 13. Februar, jeweils 20.30 Uhr, Fabrik Stahlbau Strang, Philipsstraße 2, Aachen: Rubberbandance Group mit dem Stück „Loan Sharking”.

Choreograf und Tänzer Victor Quijada verbindet HipHop mit klassischem Tanz in seinen Produktionen.

Festivalleiter: Das Festival, das von Rick Takvorian (unser Bild) geleitet wird, hat mit der Fabrik Stahlbau Strang eine neue Spielstätte gefunden. Bei der Eröffnung am vergangenen Wochenende erhielt Takvorian eine große Stahl-Zange (Foto) als Glücksbringer.

Weitere Informationen im Internet unter http://www.schrittmacherfestival.de oder 0241/4324940 und -44, Kulturbetrieb/Veranstaltungsmanagement Stadt Aachen.

Partner: Zu Aufführungen im Theater Heerlen Infos im Internet: unter http://www.parkstadlimburgtheaters.nl oder unter 0031/455716607.

In Aachen gibt es noch drei Tanz-Wochenenden, danach heißt es in Heerelen „just dance!”.

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