Schrittmacher-Festival: Auf der Suche nach dem Mann im Mann

Von: Sabine Rother
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Tanz in einer neuen Dimension: Pál Frenáks Choreographie „The Hidden Men“. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Archetypen der Männlichkeit sind sein Thema: Pál Frenák, der ungarische Choreograph, Jahrgang 1957, hat aus seinem Nachdenken über Männlichkeitswahn und -wirklichkeit eine faszinierende Achterbahnfahrt der Gefühle, Sehnsüchte, Irrungen und Wirrungen gestaltet: „The Hidden Men“.

Mit dem Stück der 1998 gegründeten Compagnie bot der letzte Aachener Abend des Schrittmacher-Festivals in der Fabrik Stahlbau Strang noch einmal etwas Außergewöhnliches. Denn das sind sie: Zoltán Feicht, Péter Holoda, Nelson Reguera und Leonardo Maietto, vier Männer mit großem Talent zur Performance und zur Selbstironie, vier gestählte Körper, die sich von üblichen Tänzerfiguren unterscheiden. Ihre Ausdrucksformen zielen deutlicher auf das Mannsein hin, das Frenák in dem 55-Minuten-Stück mit psychologischem Feinschliff unter die Lupe nimmt.

Speziell für die Aufführung in Aachen hat der Choreograph und Compagnie-Chef neben den vier Tänzern den französischen Akrobaten Danilo Pacheco in die Seile geschickt – einen eleganten, ruhigen jungen Mann, selbstbewusst in den weichen Posen am verschlungenen Seil und stets ein wenig distanziert. Sobald er festen Bühnenboden unter den Füßen hat, schaut er dem Treiben der anderen kritisch-amüsiert zu.

„The Hidden Men“ ist Tanz-Theater vom Feinsten, wobei der Begriff „Tanz“ eine neue Variante erfährt. Sehr nah fühlt sich Frenák der japanischen Butoh-Tradition mit ihren verfremdeten, fast nackten, häufig verrenkten Körpern, die den Zuschauer durch Absurdität erschrecken und wecken will. In der Aachener Fabrik sind drei dicke Taue hoch oben an massiven Stahlträgern über der Bühne befestigt. Sie führen in eine neue Dimension, entwickeln ein kraftvolles Eigenleben und sorgen für reichlich Gänsehautmomente. Selbst wenn die leeren Seile in Bewegung sind, erobern sie den Bühnenraum wie lebendige, gierige Wesen, die sich im nächsten Moment wieder einen Arm, einen Leib oder ein Bein greifen und blitzschnell umschlingen.

Frenáks Akteure verfügen über schauspielerische Fähigkeiten und eine ausgeprägte gestische Sprache. Sie werfen sich ohne Rückhalt hinein in einen Reigen aus Macho-Irrsinn, aufschneiderischem Gebaren, rüpelhaften Rangeleien, schreiender Gewalt und Affen-Gehabe bis hin zum ungezogenen Drang paarungswütiger Rüden, möglichst alles in ihrer Umgebung zu packen und ihr Terrain zu markieren. Schamgrenzen fallen, die knappen schwarzen Turnhosen rutschen. Sogar diese Szene hat bei aller Deutlichkeit Ästhetik. Dann wieder geht es ganz tief hinein in die Gefühls- und Sehnsuchtswelt, durch die sie an Seilen schwingen.

Der grandiose Sound von Attila Hajas aus extrem unterschiedlichen Klangelementen, vom bedrängenden Menschengemurmel über das wütende Gekläffe einer Jagdmeute bis zu lockenden Sirenengesängen, verdichtet die Szenen samt guter Lichtregie von János Marton. Und selbst die schmelzende Liebesarie des Walther von Stolzing aus Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg” ist genau an dieser Stelle richtig.

Freche Brüche

Es sind besondere Momente, wenn die Tänzer hoch oben in den Seilen schwingen. Und manchmal muss einer nicht nur sein Gewicht, sondern auch noch den Körper eines anderen halten, der blitzschnell emporklettert. Bilder, die man nicht vergisst. Damit das alles nicht rührselig wird, sorgt Frenák gern für freche Brüche, ein Mann etwa im schräg übergezogenen Ballerinakleidchen, drei Tänzer mit Baby-Schnullern – Sehnsucht nach der Mutterbrust und vielleicht nach der Chance, die Weiblichkeit im Mann endlich leben zu dürfen. „This is a Man’s World“: Lasziv wie bei einem Strip bedienen die Tänzer, was sie für Frauenfantasien halten. Schließlich der betrunken Wankende in einer hellen, wackeligen Schale, die später Projektionsfläche für eine Art Filmabspann mit den Namen aller Produktionsbeteiligten sein wird. Schreien, fallen, kugeln, verrenken – die Welt des Mannes? Hoffnungsvoll und tröstlich ertönt dann Tony Bennetts weiche Stimme mit „The Good Life“ – und es scheint, als ob er den geplagten Machos zuruft: „Ach Männer, macht es euch doch nicht so schwer, das Leben ist kurz...“ Ein großer Abend. Donnernder, lang anhaltender Applaus für die Compagnie Pál Frenák.

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