Schlechte Stimmung im Bordell

Von: Armin Kaumanns
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Oh wie verführerisch: Kerstin Brix als Türkenbab, Hans-Jürgen Schöpflin als Tom Rakewll (Mitte) und Michael Kupfer als teuflischer Nick Shadow im Theater Mönchengladbach. Foto: Matthias Stutte

Mönchengladbach. Igor Strawinskis faustische Oper „The Rake´s Progress” ist nicht gerade ein Blockbuster der Spielpläne. Umso erfreulicher, wenn ein mittleres Haus wie das Mönchengladbach/Krefelder sich dieser 1951 uraufgeführten Partitur annimmt, die im Stil des Neoklassizismus wunderbar durchsichtig sowie anspielungs- und zitatenreich mit dem mozartschen „Cos’”-Orchester eine klassische Geschichte erzählt.

Es sind neun Bilder aus dem Leben des Tom Rakewell, der sich auf einen Pakt mit dem Teufel (Nick Shadow) einlässt: Statt seine Anne Trulove zu heiraten, entscheidet er sich für Geld, Macht und Freiheit, was er über Jahr und Tag mit seiner Seele bezahlen muss. Soweit kommt´s nicht, doch den Verstand luchst Mephisto ihm noch ab, bevor er zur Hölle geht.

Tom endet im Irrenhaus. Das 18. Jahrhundert aber steht nicht nur musikalisch Pate bei dieser epochalen Nachkriegsoper, auch die Vorlage stammt aus jener Zeit: Kupferstiche von William Hogarth, auf die Hugh Auden und Chester Kallman ein äußerst poetisches Libretto schrieben.

Optik wie in der Turnhalle

In Mönchengladbach wird, weil in der Ausweichspielstätte keine Übertitelung möglich ist, deutsch gesungen, weshalb das Stück hier „Die Karriere des Wüstlings” heißt - da versteht man wenigstens die vom Cembalo begleiteten Rezitative. Auch bühnentechnisch gibt es keinen Schnickschnack, weshalb Harald Stiegers Bühnenraum aus Wänden mit Rollen besteht: fiese, blau glasierte Backsteinwänden mit roten Bullaugen-Türen kasten die schnell wechselnden Szenen ein - eine Optik, wie sie in alten Schwimmbädern oder Turnhallen vorkommen mag. Das drückt auf die Stimmung selbst da, wo im Bordell das Rotlicht sündig gleißt und die mit pinken Dessous möblierten Chordamen lüstern die Schenkel spreizen.

Regisseur Wolfgang Lachnitts Arbeit merkt man die Probleme mit fehlender Bühnentechnik an. Einzig die Figur des Nick Shadow, die der famose Bariton Michael Kupfer aber auch herrlich zentriert und obertonreich singt, teuflisch schmierig spielt, besitzt so etwas wie Präsenz. Der Rest des Ensembles hat Mühe, über die Rampe zu kommen. Tom, der arme Tor, findet in Hans-Jürgen Schöpflin einen eher zahmen Interpreten, sein Tenor lässt vor allem die enormen Anforderungen der Partie sinnfällig werden.

Dara Hobbs hat ebenfalls mit der teuflisch schweren Partie der Anne ihre liebe Not, stemmt sie passabel. Mit großer stimmlicher Präsenz überrascht Katharina Ihlefeld als Puffmutter; Aldo Tiziani als Trulove und Walter Plant als Auktionator machen ihre sängerische Sache gut. Gleiches gilt für Kerstin Brix, die am besten mit der notgedrungen eingesetzten Mikrophon-Technik zurechtkommt. Warum ihre Figur, die Türkenbab, von einer Jahrmarktsattraktion von Riesenweib mit Rauschebart in eine Granate von Blondine mutierte, bleibt das Geheimnis der Regie.

Wäre da nicht Graham Jackson im Graben so aktiv mit dem Taktstock zugange, der die Niederrheinischen Sinfoniker zu rhythmischen und harmonischen Eskapaden im Stil des ambitionierten Neoklassizismus regelrecht peitscht, wäre da nicht ein Opernchor in Hochform, dieses Opernerlebnis wäre ziemlich belanglos. So kann der, der auch mittelmäßig zubereitete Delikatessen zu schätzen weiß, getrost die Reise nach Mönchengladbach unternehmen.

Die Strawinsky-Oper ist noch am 14. März, 15., 21. und 23. April, 28. Mai und am 12. Juni im Theater im Nordpark Mönchengladbach zu sehen.
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