Russische Schuhplattler im Unterholz

Von: Armin Kaumanns
Letzte Aktualisierung:
eugen5-bild
„Eugen Onegin” im Theater Aachen: Die Damen und Herren des Opern- und Extrachores bekamen nach der Premiere wie alle Musiker und Solisten viel Beifall. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Erst mal geht es dem Birkenwäldchen ans Leder - da hat Tschaikowskis Ouvertüre zu „Eugen Onegin” noch gar nicht begonnen. Damit das klar ist: Russische Seele, schlimmstenfalls Folklore, will Regisseur Ludger Engels nicht dulden auf Ric Schachte-becks grauer Bühne, die kaum mehr als ein Hinten und Vorne kennt.

Also sägt Amme Filipjewna in Holzfällerkluft dem slawischen Pendant zur Deutschen Eiche die Stämmchen durch. Wenn sie nicht so unverschämt gut singen würde, die Rebecca Raffell mit ihrem schon fast bassigen Alt, man wähnte sich im falschen Film.

Später dient das Fällholz für Trockensträuße, liegt überhaupt dauernd im Weg und wird dann auch vom hünenhaften Onegin durch die Gegend gepfeffert. Dass dann doch schon bald auf Russisch geschuhplattlert wird, mit vor der Brust gekreuzten Armen, steht auf einem anderen Blatt dieser Inszenierung, die sich schwer tut, auf den Punkt zu kommen.

Tschaikowskis Lyrische Szenen in drei Akten entzücken jeden Opernfreund mit großen, berühmten Arien, hinreißend dramatischer Musik, in der auch das schwelgerisch säuselnde Solocello nicht fehlen darf. Die Geschichte ist schlicht, auch wenn der große Puschkin die gereimte Vorlage schrieb: Auf einem Landgut in der russischen Provinz leben zwei Töchter: die fröhliche Olga und die scheue Tatjana. Zu Olga passt der treue Lenski, der eines Tages Onegin mitbringt, frisch aus der Stadt zugezogen.

Für Tatjana ist er der Traummann ihrer Groschenromane, ihre Liebe weist er jedoch ab. Stattdessen tanzt es so unmissverständlich mit Olga, dass Lenski ihn zum tödlichen Duell fordert. Jahre später treffen sich Tatjana und Onegin in der Stadt, diesmal weist Tatjana den heillos verliebten Onegin ab, der allein und verzweifelt zurückbleibt.

Bücher fliegen umher

Nun darf zeitgenössische Opernregie sich ruhig reiben an der Vorlage. Bei aller Sympathie für Ludger Engels abstrakte Orte im Grau der Welt sollte jedoch die Stimmung, die Emotion der Musik nicht Schaden nehmen. Nehmen wir die Sache mit den Büchern.

Dass die gute Tatjana ihr Bild von der Welt aus Liebesromanen ableitet, hat das Produktionsteam bewogen, nicht nur zwei Akte lang unentwegt mit dem Papier-Rohstoff Baumstamm zu winken; andauernd fliegen Bücher durch die Szene, zerfleddern, landen in den Holzbänken der Vorderbühne. Sogar der berühmte Liebesbrief an Onegin besteht aus Romanseiten, auf denen Tatjana die entsprechenden Stellen unterstrichen hat. Man hat die Idee nach zwei Minuten verstanden, die Durchführung dauert fast zwei Stunden.

Ein anderes Beispiel für das offenbar geringe Vertrauen des Regisseurs in die Kraft der Musik ist die Abschiedsszene des Lenski, ein Traum an Schmelz für jeden Tenor.

Engels lässt nun den mit beachtlichen, fein metallisch strahlenden Höhen begnadeten Yikun Chung aufgeregt durch die Szenerie irren, da taucht plötzlich eine Pistole auf, aufs Birkenfeld rauscht Regen nieder, und was der Aktionen noch sind. So geht das nicht.

Zum Glück verfügt das Theater Aachen im Graben über ein Orchester, das auch Tschaikowskis üppigem Sound gewachsen ist, das der zweite Mann des Hauses, Daniel Jacobi, zu voller Kraftentfaltung animiert. Was da aus der Tiefe tönt, sensibel durchgehört und abgestimmt auf die Bedürfnisse der Sänger, aber auch mal saftig schwelgend, macht Tschaikowski alle Ehre - vom feinen Holz übers goldene Blech und die klangverliebten Streicher bis zur entzückenden Harfe.

Und wäre nicht auch das Sängerensemble (nebst exzellentem Chor) durchweg den hohen Anforderungen gewachsen, man müsste den Abend als Flop erleben. Dabei ist es außergewöhnlich, dass bis auf einen die Solisten dem hauseigenen Ensemble entstammen.

Irina Popova liegt die wunderbare Sopranpartie der Tatjana ebenso wie Bariton Hrólfur Saemundsson die des Onegin, selbst wo ihm der „Dandy” nicht gerade auf den (schauspielerischen) Leib geschrieben ist.

Mlanie Forgeron als Olga hört man die erfreuliche Entwicklung an, die ihr Mezzo gerade in der Tiefe genommen hat. Leila Pfister ist zwar eine reichlich jugendliche Gutsbesitzerin Larina, ihr Mezzo klingt tadellos, in kleineren Rollen gefallen Jorge Escobar und Johannes Piorek. Der einzige Gast des Ensembles, der seinen volltönenden tiefen Bass äußerst geschmeidig und ungemein musikalisch führende Randall Jakobsh (als Gremin), singt wieder einmal in einer anderen Liga.

Aktionismus am Schluss

Wir wollen kurz erwähnen, dass auch dem todtraurigen Schlussbild vor lauter Aktionismus der Charme verloren geht, wie man die Idee, den guten Louis Kim als Triquet in Pumps zu stecken und mit Lippenstift zu beschmieren, als durchaus geschmacklose Anspielung auf Tschaikowskis Homosexualität begreifen muss. Nein, da hätte man von Ludger Engels mehr erwartet. Das sah wohl auch ein Teil des PremierenPublikums so.

Neben heftigem Beifall für Ensemble, Orchester und Dirigent gab es auch einige Bus fürs Regieteam.

Weitere Vorstellungen: 7., 9., 13., 26. Februar, jeweils 19.30 Uhr; 3. März, 20 Uhr; 7. März, 18 Uhr; 13. März und 24. März, 19.30 Uhr; 11. April, 18 Uhr; 18. April, 15 Uhr; 2. und 16. Mai, 18 Uhr; 10. Juni, 19.30 Uhr; 18. Juni, 20 Uhr.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert