Aachen - Ruhrtriennale-Leiter Heiner Goebbels geht in seine letzte Saison

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Ruhrtriennale-Leiter Heiner Goebbels geht in seine letzte Saison

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Beschreitet nicht den Mainstream: Heiner Goebbels stellte in Aachen sein ganz persönliches Ruhrtriennale-Programm vor. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Seine Erinnerungen an Aachen sind vage, aber nicht sonderlich positiv. In den 80er Jahren ist Heiner Goebbels mit Jazz-Improvisationen an der hiesigen Uni aufgetreten. „So schlecht besucht war sonst keines meiner Konzerte“, sagt er heute mit einem Lachen.

Zurückgekehrt ist er nun trotzdem, allerdings nicht als Musiker, sondern als Leiter der Ruhrtriennale – aber wie gewohnt ohne Schlips. Im Aachener Theater präsentierte der 61-Jährige das Festival-Programm seiner dritten und letzten Saison – und sprach mit Jenny Schmetz.

Warum kommt der Leiter eines renommierten Großfestivals in die Provinz, um sein Programm vorzustellen?

Heiner Goebbels: Wir möchten dem Publikum auf Augenhöhe begegnen – mit einem Programm, das nicht belehren will, sondern zu einer starken künstlerischen Erfahrung einlädt. Zugleich mache ich ein sehr persönliches Programm, das nicht auf bekannte Titel setzt. Das meiste kann das Publikum noch nicht gesehen oder gehört haben. Darauf möchte ich neugierig machen!

Ist das nötig? Über mangelnden Publikumszuspruch müssen Sie doch nicht klagen.

Goebbels: Das stimmt, wir hatten vorige Saison mit rund 50.000 Besuchern einen Rekord, mit 90 Prozent die beste Auslastung überhaupt. Aber noch wichtiger ist mir, neue Zuschauer für zeitgenössisches Theater zu begeistern. Wir haben tatsächlich eine radikale Verjüngung: In den letzten drei Jahren hat sich das Durchschnittsalter um zehn Jahre reduziert, auf 47 Jahre. Außerdem kommt viel mehr internationales Publikum an die Ruhr.

Das braucht für Ihr Festival weder Reclam-Heftchen noch Opernführer zu lesen.

Goebbels: Wir spielen nicht Goethe oder Schiller, Verdi oder Wagner. Das Repertoire bleibt außen vor. Ich möchte nicht zeigen, was man ohnehin in den Theatern und Opernhäusern im kulturell sehr reichen Nordrhein-Westfalen sehen kann. Mein Schwerpunkt liegt auf Musiktheater, das die Grenzen zu den anderen Künsten nicht mehr kennt: zum Tanz, zur Performance, zur Installation, zur bildenden Kunst. Denn Kunst ist für mich am spannendsten da, wo uns die Begriffe ausgehen, wo unser Versuch, das Gesehene einzuordnen, eben nicht mehr greift.

Damit machen Sie es Zuschauern nicht gerade leicht. Hören Sie auch die Vorwürfe: zu kompliziert, zu avantgardistisch, zu elitär?

Goebbels: Nein, eigentlich weniger. Ich höre eher die Frage: Warum hat das Theater von heute keine Pausen mehr? Aber wenn ein Künstler nicht auf die Erzählung setzt, sondern das Publikum in einen neuen Raum – im weitesten Sinne – einlädt, dann kann er keine Pause machen. Da ist man dort vielleicht gerade halbwegs angekommen, und schon geht man was essen? Das geht nicht! Wir lieben auch die langen Formate, weil man da stärker eintauchen kann.

Nicht mal zwei Stunden dauert Louis Andriessens Musiktheater „De Materie“. Sie inszenieren es zum Festivalstart – kaum einer wird es kennen . . .

Goebbels: Louis Andriessen ist der bedeutendste zeitgenössische Komponist der Niederlande. Seine Musik ist sehr kraftvoll, ein reduzierter Minimalismus, der sich nicht vor Anleihen an andere Stile scheut, zum Beispiel besteht der dritte Akt aus einem orchestrierten Boogie-Woogie . . . Vor allem sprengt er den Rahmen einer Oper. Es gibt keine Dialoge, Liebesgeschichten, psychologisch motivierte Figuren, sondern ein philosophisches Thema. Seine aufregende Ideen-Oper lässt uns über das Verhältnis von Geist und Materie nachdenken.

Und mit Ihrem eigenen Orchester-Zyklus „Surrogate Cities“ bringen Sie den Pott zum Tanzen.

Goebbels: Für mein Porträt einer imaginären Großstadt hat die französische Choreographin Mathilde Monnier 140 Akteure aus dem Ruhrgebiet zwischen sieben und 77 Jahren zusammengebracht. Sie erforscht ihre Bewegungen und setzt sie in der Duisburger Kraftzentrale in ein spannungsvolles Verhältnis zu meiner Musik.

Vor 20 Jahren wurden ihre „Surrogate Cities“ uraufgeführt. „De Materie“ schon 1989. Warum wagen Sie nichts Neueres?

Goebbels: Das ist nicht mein vorrangiges Interesse. Auch mit John Cages „Europeras“ und Harry Partchs „Delusion of the Fury“ habe ich wegweisende Musiktheaterstücke des 20. Jahrhunderts ausgegraben, die in den Institutionen kaum eine Chance haben. Es geht nicht darum, dass wir permanent Uraufführungen machen. Das ist ein kurzes Gewitter, das den Werken nichts nützt, weil sie nie wieder aufgeführt werden. Dann schauen wir uns lieber die Werke an, die es wert sind, weiterzuleben!

Worauf freuen Sie sich besonders?

Goebbels: Natürlich auf alles. Aber auch darauf, dass irgendwann alles vorbei ist – und ich wieder komponieren kann!

Haben Sie schon Pläne?

Goebbels: Ich habe viele Aufträge aus der ganzen Welt, aber welchen ich annehme, habe ich noch nicht entschieden.

Also keine Tränen am Ende Ihrer Intendanz?

Goebbels: Weinen werde ich nicht. Die Ruhrtriennale ist eines der großartigsten Festivals, die es gibt. Ich bin sehr glücklich, sie leiten zu dürfen. Aber danach bin ich auch froh, wieder Künstler zu sein.

Ihr Nachfolger, Johan Simons, Intendant der Münchner Kammerspiele, hat schon vorhergesagt: „Die Ruhrtriennale wird kein Schauspielfestival.“ Was erwarten Sie von ihm?

Goebbels: Dass er das genau so frei macht wie ich auch!

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