Genk - Rocco Granata und der Fluch der Kohle

Rocco Granata und der Fluch der Kohle

Von: Eckhard Hoog
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Im Westen kaum angezogen, scho
Im Westen kaum angezogen, schon wieder weggeschmissen: Die Absurdität der Überproduktion von Textilien in Ländern der Dritten Welt prangert der in Amsterdam lebende Chinese Ni Haifeng mit diesem riesigen Lappenteppich und Lumpenberg an. Die Arbeit ist eines von über hundert Kunstwerken zu Themen wie Kohle, Bergbau, Arbeit und Kultur auf der Europäischen Kunstbiennale Manifesta im belgischen Genk. Foto: Eckhard Hoog

Genk. Rocco Granata lacht. „Aachen? Na klar! Da bin ich mindestens 20 Mal aufgetreten”, sagt er und setzt vor der Kamera seines Gegenübers das breitestmögliche Lächeln auf. „Das war zusammen mit Lolita und Lou van Burg.” Also doch schon verdammt lange her - immerhin 74 wird Rocco Granata am 16. August.

Kein Alter für einen Schlagersänger: „Ich trete immer noch auf”, versichert er stolz. Aber zum Singen ist er heute nicht von Antwerpen, wo er seit den Sechzigern wohnt, nach Genk gekommen, in jenes belgische Städtchen, das rund 60 Kilometer von Aachen entfernt liegt. Für ihn soll es ein großer Tag werden: Königin Paola hat sich angesagt, um die Kunstbiennale Manifesta 9 zu besuchen, und er wird sie hier treffen . . .

„Marina” und ein kleiner Italiener

Kunst, Kohle, Schlager, „Marina” und ein kleiner Italiener - in der stillgelegten Steinkohlenzeche Waterschei in Genk treffen Indus-trie und Geschichte, Kultur und Leben noch bis zum 30. September passgenau und widerstreitend zugleich aufeinander. Die Manifesta existiert seit 1996 als eine alle zwei Jahre irgendwo in Europa stattfindende Kunstausstellung der in Amsterdam ansässigen unabhängigen Stiftung „International Foundation Manifesta”. Sie hat sich, kurz gefasst, auf die Fahnen geschrieben, die Kunst in Europa zusammenzuführen, um die ökonomischen, kulturellen und politischen Veränderungen des Kontinents in den Regionen zu reflektieren und überdies Brücken zu schlagen zu den Nachbarn Europas in Afrika, Asien und dem Nahen Osten. 2012 also in Genk.

Zu jeder Biennale entwickelt stets ein neues Team von Kuratoren ein anderes Projekt. Diesmal waren es Cuauhtémoc Medina (Mexiko), Katerina Gregos (Griechenland) und Dawn Ades (England). Ihr Konzept lautet: „The Deep of the Modern” (Die Tiefe der Moderne), was alles Mögliche bedeuten könnte. Indessen beweist die Manifesta 9 - 2002 fand die Ausgabe 4 in Frankfurt statt - eine überaus klare Struktur im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen, die nicht nur über komplette Städte, sondern bisweilen auch noch ganze Regionen verteilt waren (2008 Trentino-Südtirol, 2010 Murcia, Spanien). Konzentriert auf ein einziges Gebäude als Ausstellungsort - das hat es bei der Manifesta noch nicht gegeben. Mit Bedacht ausgewählt: der von außen mit restaurierter Fassade prächtig erscheinende Art-déco-Bau des Zechengebäudes Waterschei. Innen: ein bis aufs nackte Mauerwerk entkleideter, nach der Zechenschließung 1987 übriggebliebener Rohbau.

Die kulturstiftende Bedeutung der Kohle, ihr Fluch und Segen, die Bergbauindustrie in ihrem Auf- und Niedergang, Arbeitsbedingungen als Grundlage auch des kulturellen Lebens, sie liefern thematisch den roten Faden der Ausstellung. Dabei reflektieren neben zeitgenössischen erstmals auch historische Kunstwerke soziale und kulturelle Aspekte des Themas. Damit ist die Manifesta 9 weit mehr als eine bloße Kunstschau.

Draußen treffen kurz nach Mittag ein paar abgeordnete Lehrer mit einer Gruppe Schüler ein, die bei der Ankunft der Königin fähnchenschwenkend ein herziges Begrüßungskomitee abgeben sollen. Derweil betreten ein Fernsehteam und Rocco Granata auf der ersten Etage des dreistöckigen Baus eine Art Kapelle, die die Kuratoren dem Schlagersänger gewidmet haben. Hier liegt die Trophäe in einer Vitrine aus: Rocco Granatas originale Goldene Schallplatte seines internationalen Hits von 1959, „Marina”. Umgeben von Plakaten, einer bunten Musikbox aus der Zeit und einer Vespa. Die Rocco-Granata-Kapelle ist Teil der ersten von drei Abteilungen, die auf den 23 000 Quadratmetern des Gebäudes etagenweise ausgebreitet sind.

In drei Sektionen ist die Schau gegliedert: „Poetics of Restructuring” (Die Poesie der Neustrukturierung) mit Kunst von 39 zeitgenössischen Künstlern, „The Age of Coal” (Das Zeitalter der Kohle) mit 73 historischen Kunstwerken, und „17 Tons” (17 Tonnen, benannt und leicht abgewandelt nach dem berühmtesten aller Bergarbeitersongs, „16 Tons”), in dem das regionale Zechen-Erbgut präsentiert wird.

In einer Ecke der „17 Tons”-Etage hat man praktischerweise alles so gelassen, wie es war. Hier betreiben ehemalige Bergleute seit Jahren ihr eigenes Museum mit einem wahllosen Sammelsurium an Zechen-Devotionalien: in Hunderten Variationen die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, Grubenlampen, Kohlestücke, eiserne Loren, ein nachgebauter Stollen, Maschinen.

Der ergänzende Versuch der Kuratoren, die regionale Bergbaugeschichte darzustellen, passt: unter Tage benutzte Gebetsteppiche türkischer Gastarbeiter, Stickarbeiten der Bergarbeiterfrauen, Mode der Kölner Designerin Eva Gronbach, die ihre Kollektionen aus Bergarbeiterkleidung kreiert. Die Ausstellungsmacher entdeckten bei ihren Recherchen einen Bergmann, der über Jahrzehnte selbst bildhauerisch aktiv war. Seine Spezialität: Skulpturen schwarzer Bergmannsköpfe, geformt aus - Kartoffelbrei. Und irgendwie dauerhaft haltbar gemacht. Filmische Originalaufnahmen von schweren Unfällen unter Tage dokumentieren auf ihre Art den Fluch der Kohle.

Rocco Granata gebührt mit seiner märchenhaften Geschichte hier ein fester Platz: 1938 in Kala-brien tatsächlich unter diesem Namen geboren, ziehen seine Eltern in den Fünfzigern von Süditalien ins Kohlerevier nach Genk. Rocco, ausgebildet als Automechaniker, mit Musik als Hobby, spielt 1957 mit seinen Freunden einen Samba, der überall gut ankommt, eine Nummer mit einem selbst geschriebenen Text, den er nach seiner Lieblingszigarette benennt: „Marina”. Eine von 300 selbstproduzierten Singles landet zwei Jahre später beim Plattenlabel EMI Columbia, die den Song daraufhin herausbringt. Er wird in ganz Europa und den USA ein Hit.

„Marina, Marina, Marina” - ein kleiner Italiener, der es unverhofft geschafft hat, steht auf der Manifesta 9 stellvertretend für all die Bergarbeiterfamilien in Belgien, die hier „mit Migrantenhintergrund” leben. Absolut kein Grund, nostalgische Gefühle zu entwickeln: 50 Prozent der Menschen in Genk sind heute Migranten: Griechen, Italiener, Türken, Marokkaner.

Blitzlichtgewitter. Paola ist mit einer schwarzen Limousine eingetroffen. Als erstes wird sie in das kleine Museum der ehemaligen Bergarbeiter geführt, die mit leuchtender Helmlampe in Reih und Glied Spalier stehen. Ein kurzer Wortwechsel, eine freundliche Geste - der industrielle Niedergang und der mühsame Strukturwandel sind nicht ohne Opfer abgegangen, das mag auch die Königin wissen. Zeit also, sich in dieser Kohle-Kunst-Ausstellung allmählich der Gegenwart zu nähern.

Aber im „Zeitalter der Kohle” auf der zweiten Etage wird die Erinnerungsarbeit in Sachen Kohle und Bergbau erst einmal fortgesetzt, diesmal kunsthistorisch: Marcel Duchamps legendäre Kohlensäcke von 1938 finden sich wieder, der Belgier Marcel Broodthaers mit seinen Kohlebergen darf nicht fehlen, und Richard Longs „Kohlefluss”, eine langgestreckte Bahn aus Kohlestücken, hat unter einem Deckendurchbruch wahrscheinlich den wirkungsvollsten Platz und die passendste Umgebung seit seiner Entstehung gefunden. Sehr eindrucksvoll.

In einem kleinen Museumskabinett ergänzen unter anderem Henry Moores Höllenfantasien und Bernd und Hilla Bechers fotografierte Förderturm-Serien die künstlerische Sicht der Dinge.

Der rückwärtsgerichtete Blick mündet eine Etage höher endlich in die Positionen der zeitgenössischen Künstler. Und hier wird der galoppierende Wahnsinn der Globalisierung sarkastisch auf den Punkt gebracht - wobei es dann nicht unbedingt mehr um Kohle geht. Zum Beispiel in einem gigantischen hängenden Teppich aus Lappen, der in einen Haufen schwarzer Lumpen übergeht. Der in Amsterdam lebende Chinese Ni Haifeng prangert damit die Überproduktion von Textilien in der Dritten Welt an, die im Westen, kaum angezogen, schon wieder weggeschmissen werden. Edward Burtynsky liefert dazu die Fotos von monströsen Hallen mit Hunderten von chinesischen Fließbandarbeitern, die alle zusammen in diesem Bild eine gerasterte Ästhetik ergeben, die fasziniert und abstößt zugleich: massenhaft perfide effizient positionierte Menschen in einem bis ins Letzte durchfunktionalisierten Produktionsprozess.

Ein absurder Ablauf

Der in Mexiko lebende Spanier Jota Izquierdo verfolgt mit Videos den Weg von gruseligsten Plastik-Kitschwaren, die in China produziert werden, bis zu den Straßenhändlern in Mexico City, die sie hier verkaufen - ergänzt um die gänzlich überflüssigen, grellen Originalobjekte. Ein absurder Ablauf ohne Sinn, an den sich die Ärmsten der Armen klammern, um die Existenz zu sichern.

Den Belgier Maarten Vanden Eynde treiben böse Visionen um: Sein „Riff” besteht aus Plastikmüll, den er im Meer gefunden hat. Kuai Shen, der aus Equador stammt und in Köln lebt, platziert im ehemaligen Büro des Zechendirektors einen Ameisenstaat, lässt ihn in Glaskolben und Röhren arbeiten und beobachtet ihn permanent mit Kameras - eine Zukunftsvision perfekt funktionierender, auch menschlicher Wesen?

Die Salzburgerin Aglaia Konrads demonstriert mit einer Küchenecke aus den üblichen Einzelteilen „von der Stange” die immer gleichförmiger werdenden Lebensentwürfe und den zunehmend standardisierten Alltag des konsumorientierten modernen Menschen.

Die Kritik ist bislang nicht gerade gnädig umgegangen mit der Manifesta 9 - sie entspricht eben nicht den üblichen Erwartungen an eine „standardmäßige” Kunstbiennale. Dabei ist der Besuch absolut inspirierend und in mancherlei Hinsicht aufschlussreich. Es muss ja nicht immer gleich wie ein Königinnentag für Rocco Granata sein.

Öffnungszeiten,Dauer und Eintritt:

Manifesta 9, Genk, Waterschei Mijn, Andr+e Dumontlaan Tel.: 0032/89/710440.

Dauer: bis zum 30. September.

Geöffnet: Di.-So. 10-19 Uhr, Fr. 10-22 Uhr.

Eintritt: Tagesticket zehn Euro, Zwei-Tage-Ticket 15 Euro.

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