Revolutionär geht musikalisch auf die Barrikaden

Von: Pedro Obiera
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Aachen. Wie Marcus Bosch den Kopfsatz der „Eroica” angeht, regelrecht „anspringt”, entspricht durchaus dem Motto des 7. Sinfoniekonzerts im gut besuchten Aachener Eurogress.

Wenn ein musikalisches Werk die Auszeichnung „Revolutionär” verdient, dann ist es Beethovens Dritte Symphonie, gleich, ob man sie als Revolutions-, Napoleons- oder Prometheus-Symphonie bezeichnet.

Den Heroismus des Werks bezieht Bosch aus dem geradezu explosiven Vorwärtsdrang der Musik, der das schier grenzenlose Selbstbewusstsein des 34-jährigen Komponisten hautnah dokumentiert. Hier wird kein Held gefeiert, sondern der Held geht auf die Barrikaden.

Auch nicht in der Totenklage des berühmten langsamen Satzes, die bei Bosch nichts vom stürmischen Optimismus dieser bis dahin längsten Symphonie der Musikgeschichte verliert. Mit einer Spieldauer von 45 Minuten gehört Bosch zu den Sprintern des Taktstocks. Etliche seiner Kollegen brauchen bis zu einer Viertelstunde länger.

Angesichts der immensen spieltechnischen Anforderungen bleiben da Ungenauigkeiten und bisweilen auch deutliche Wackelkontakte im Zusammenspiel der hochmotivierten Aachener Sinfoniker nicht aus. Dennoch eine Interpretation wie aus einem Guss.

Die Kopplung mit der Ouvertüre zu Luigi Cherubinis Oper „Der Wasserträger” macht Sinn. Beethoven schätzte Cherubini als Vater der Revolutionsoper überschwenglich, auch wenn dessen Musik Berlioz noch stärker beeinflusst hat als die Beethovens.

Hans Pfitzner mit dem Etikett „Revolutionär” zu versehen, ist nicht weniger kühn. Der ungeliebte Eigenbrötler, der eingefleischte Antisemit und Sympathisant der Nazis, hat sich der musikalischen Moderne bewusst und entschieden verweigert. Auch sein Violinkonzert wirkt trotz dankbarer Aufgaben für den Solisten und einer eigenwilligen Rollenverteilung zwischen Violine und Orchester wie eine (sehr) späte Replik auf romantische Strömungen im Fahrwasser Max Bruchs oder Humperdincks.

Die klaren thematischen Strukturen eines Mendelssohn oder Brahms werden durch ein riesiges Orchester eingedickt, so dass im langsamen Teil des durchkomponierten Werks der Solist über fünf Minuten zu schweigen hat. Sperrige Musik ohne die Poesie und die Aufbruchstimmung der frühen Romantiker, aber auch ohne das abgeklärte Reflexionsvermögen des späten Gustav Mahler oder des alten Richard Strauss.

Ins Repertoire wird das Werk nicht finden, auch wenn man sich so engagiert dafür einsetzt wie der tschechische Geiger Juraj Cizmarovic, der die kniffligen Aufgaben ordentlich bewältigt. In der Intonation etwas instabil und nicht immer mit letzter klanglicher Leuchtkraft.

Freundlicher Beifall für diese Begegnung mit einer skurrilen Rarität, Sonderapplaus für die ebenso junge wie begabte Solo-Oboistin Blanca Geisner, Begeisterungsstürme für das Meisterstück des Abends, Beethovens „Eroica”.
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