Proben mit Taktstock am Bügelbrett

Von: Jenny Schmetz
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Zieht zu seiner künftigen Frau nach Kassel: Chordirektor Andreas Klippert. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Andreas Klippert probt derzeit gerne mit Taktstock am Bügelbrett. Der Grund ist schwerwiegend: die Partitur zum Stummfilm-Klassiker „Metropolis“. Rund drei Kilo bringen die 396 Seiten wohl auf die Waage.

Darunter würde Klipperts heimischer Notenständer schlapp machen. Daher platziert der 39-jährige Dirigent sein Bügelbrett mit den Noten zu Hause vorm Fernseher, den DVD-Rekorder in Griffweite.

Beim „Konzert ohne Frack“ mit dem Aachener Sinfonieorchester muss er Fritz Langs Schwarz-Weiß-Bilder auf der Kino-Leinwand und die Live-Töne aus dem Graben sekundengenau koordinieren. Daher hat er die expressionistische Science-Fiction in den vergangenen fünf Monaten „bestimmt 100 Mal gesehen“. Rund 50 Musiker in klassischer Besetzung – erweitert um Schlagzeug und Saxofon – spielen die Originalmusik, die Gottfried Huppertz größtenteils 1925/26 schon während der strapaziösen Dreharbeiten komponiert hat. Lang zeigt mit visionärer Ästhetik eine Zwei-Klassen-Gesellschaft in einer futuristischen Großstadt, dazu erklingt „richtig gut gemachte Filmmusik“, findet der Dirigent. Emotional aufwühlende, mitreißende Melodien, Leitmotive und jazzartige Harmonien, Foxtrott und Ganztoncluster. Durchstehen muss Klippert 118 Minuten, denn gezeigt wird die Fassung von 2001, nicht die neue von 2010. „Die wäre mit fast zweieinhalb Stunden wahnsinnig lang“, meint Klippert.

Nach Chaplins „Goldrausch“ und Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ ist es sein drittes Stummfilm-Konzert in Aachen – und sein letztes. Denn Klippert verlässt nach vier Jahren als Chordirektor und Kapellmeister zum Saisonende das Haus. Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck zeigte sich angesichts dieser Entscheidung „sehr traurig“. Klippert geht nicht leichten Herzens. „Ich habe bestimmt ein Jahr darüber nachgedacht“, meint er. Als „sehr lehrreich, bereichernd – und manchmal sehr anstrengend“, bezeichnet er die Arbeit in Aachen. „Opernchor und Kinderchor sind mir ans Herz gewachsen.“

Aber ein Mensch ist ihm offenbar noch enger ans Herz gewachsen. „Ich werde im August heiraten“, erzählt Klippert. Und seine Frau, eine Zahnärztin, arbeitet nun in Kassel in der Praxis ihres Vaters. „Wir wollen keine Fernbeziehung führen“, stellt Klippert klar. Daher kehrt er zurück in seine Geburtsstadt. Ein festes Engagement hat er nicht in Aussicht. „Ich versuche es erst mal auf dem freien Markt.“ Und er hat schon einige Pläne: Neben seinem Lehrauftrag für Dirigieren an der Uni in Kassel will er ein 16-köpfiges Vokalensemble gründen und leiten – am Namen wird noch gebastelt, aber zwei Konzert-Projekte für die kommende Saison stehen schon fest, am Nürnberger Staatstheater bei seinem Freund Marcus Bosch, Aachens ehemaligem Generalmusikdirektor.

Ein neuer Chordirektor für Aachen wird noch gesucht. Sechs Kandidaten sind in der letzten Runde. Und falls bis Ende der Spielzeit noch kein Nachfolger gefunden wurde – „dann bin ich nach den Ferien noch mal da“, sagt Klippert und lächelt.

An Ferien kann er zurzeit aber noch nicht denken. Zwischen Bügelbrett und Orchesterprobenraum ziehte_SSRqs Klippert auch noch zu den „Banditen“ ins Theater. Ein „krasser Wechsel“ vom düsteren „Metropolis“ zur munteren Offenbach- Operette. „Das wird eine turbulente Räubergeschichte“, freut sich der Chordirektor. Nach dem „Konzert ohne Frack“ wird er mit dem Dirigat der „Banditen“ am 9. Juli. seine allerletzte Vorstellung in Aachen bestreiten. „Da darfe_SSRqs dann auch ein Frack sein!“

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