Aachen - Premiere: William Shakespeares „Viel Lärm um nichts” im Theater Aachen

Premiere: William Shakespeares „Viel Lärm um nichts” im Theater Aachen

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
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Kurzes Glück: Hero (Julia Brettschneider) und Claudio (rechts, Markus Weickert) werden von Don Pedro (Karsten Meyer, Mitte) zusammengeführt, eine Szene aus der Shakespeare-Komödie „Viel Lärm um nichts”, die am Wochenende im Theater Aachen Premiere hatte. Foto: Carl Brunn

Aachen. Was so kuschelig begann, endete ganz schön haarig. Da waren selbst die sorglosen Bossa-Nova-Rhythmen und die kichernden Girls mit kurzen Matrosenröckchen vergessen.

In ihrer Inszenierung von Shakespeares „Viel Lärm um nichts” für das Große Haus des Aachener Theaters hat Regisseurin Christina Rast ein Konzept gewählt, das bei allen witzigen Turbulenzen und bunten komödiantischen Aktionen zum Schluss auch große Nachdenklichkeit zuließ.

Ihre Schwester Franziska Rast schuf hierzu mit Bühnenbild und Ausstattung einen Rahmen, der ideal für ein mit Situationswechseln randvolles Stück ist.

Zuerst heile Welt

Hinzu kommt, dass man mit der Übersetzung von Frank Günther einen Text nutzt, der gegenwärtig und dennoch authentisch in seinen Fein- und Grobheiten ist. Der flauschig ausgelegte stufige Bühnenraum führt zunächst in eine scheinbar heile Plüschwelt, in der Hausherr Leonato, bieder und humorvoll von Rainer Krause gespielt, ein wohliges und zufriedenes Leben genießt. Am Rande warten schon Brautkleid und Blumen auf den „schönsten Tag”, der so ganz anders werden soll. An Leonatos Seite sind zwei flotten jungen Damen, Tochter Hero (Julia Brettschneider) und die schlagfertige emanzipierte Nichte Beatrice (Elke Borkenstein).

Wie in einer Traumschiff-Werbung entern „Helden” die Bühne: blitzblankes Marine-Outfit, silbriges Ziehköfferchen, stolz geschwellte Brust. Und ihr Erscheinen darf man wörtlich nehmen, denn Franziska Rast hat eine Schwarze Wand aus flexiblen Gummibahnen geschaffen, die ein rasches Auftreten und Verschwinden der Akteure sowie zahlreiche optische Überraschungen von winkenden Armen bis zu zappelnden Beinen ermöglicht und sich immer wieder als Fläche schließt. Shakespeares Truppe hätte ihre Freude gehabt. Das Publikum ist begeistert und spendet sogar mehrfach Szenenapplaus.

Die etwas magere Geschichte ist im sizilianischen Messina angesiedelt, wo der Krieg zwischen den Brüdern Don Pedro (Karsten Meyer) und Don Juan (Joey Zimmermann) entschieden wurde. Don Juan hat verloren und sinnt grummelnd auf Rache - eine Paraderolle für Joey Zimmermann im extrem glitzernden Kostüm, das optisch den ironischen Gegenpol zu seiner Rolle als Verlierer bietet. Weibisch geschminkt und diabolisch böse überzeichnet er den Intriganten konsequent und gekonnt. An seiner Seite ist Torsten Borms Borachio der handfeste Gauner - bodenständig, gierig und mit sportlichem Spaß am Ränke schmieden.

Karsten Meyer ist ein ironischer, vom Leben etwas enttäuschter, aber doch ganz netter und gutwilliger Herrscher Don Pedro. Für einen besonderen optischen Effekt sorgt das tänzerische Verwirrspiel mit steifen Pappkostümen und Masken beim Siegesfest - die Szene ist vielleicht ein bisschen lang, dennoch gut anzuschauen. Die doppelte Liebesgeschichte wird frech und frisch erzählt. Elke Borkenstein ist eine scharfzüngige Beatrice, Thomas Hamm ein sympathischer Benedikt. Jeder Schlagabtausch sitzt, aber als sie sich unfreiwillig verlieben, stolpern beide nur noch herum und verlieren (im wahrsten Sinne) den Boden unter den Füßen während sie in den schwankenden Gummibahnen Halt suchen. Ein gelungenes Bild.

Burlesk und fantasievoll sind die dichten Szenen der Liebesfalle, die die anderen für Beatrice und Benedikt vorbereiten.

Doch dann greift die Intrige: Das Entsetzen in Heros Blick ist berührend, als sie kurz vor dem Ja-Wort diffamiert wird. Julia Brettschneider bewältigt eindrucksvoll den Wechsel von naivem Schreck zu empörter Wut. Jetzt kippt der Frohsinn. Juans Gift, unterstützt von einer als Kammerfrau Margarethe glatt, berechnend und fesch agierenden Bettina Scheuritzel, wirkt sofort.

Markus Weickert zeichnet die Gestalt des angeblich um eine jungfräuliche Braut betrogenen Claudio intensiv und mutig. Hier schwinden alle Sympathien, tritt ein Charakter zutage, der sofort das Schlechte von seiner angeblich großen Liebe glaubt und die Segel streicht. Was für ein Mann! Und zum Schluss ist er sogar bereit, als Buße eine ihm völlig Unbekannte zu nehmen (Hero gilt ja als tot) - und erlebt als Strafe eine fiese Überraschung.

Drollige Begleiter aller Szenen sind Holzapfel und Schlehwein, deftig und textsicher mit all ihren Wortverdrehungen und -verwechslungen von Elisabeth Ebeling und Felix Strüven gespielt. Insgesamt eine hintergründige Regiearbeit, bei der Christina Rast meist für Tempo und klare Strukturen im wirbelnden Durcheinander sorgt. Die Ausstattung ist mit ihrer Mischung aus Gegenwart und Kostümfundus zudem ein optisches Vergnügen. Die sinnig eingesetzte Musik von Malcolm Kemp fördert den Ausdruck der Szenen: Berührend zum Schluss das Liebeslied der traurigen Braut. Verdienter Applaus für alle.
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