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Premiere im Theater Aachen: „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“

Von: Sarah Sillius
Letzte Aktualisierung:
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Starkes Stück: „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ im Theater Aachen mit Nele Swanton und Benedikt Voellmy. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Teilnahmslos steht Dora auf der Bühne und zeigt nicht den Hauch einer Emotion. Bis ihre Mutter erfahren will, wer Dora wirklich ist und ihre Tabletten absetzen lässt. Von da an sprüht die junge Frau nur so vor Lust am (Liebes-)Leben.

Sie entdeckt ihre Freiheit und Sexualität – allerdings weit über das gesellschaftlich akzeptierte Maß hinaus. Die extreme Wandlung der Dora inszeniert Regisseurin Jenke Nordalm mit viel Wortwitz und Feingefühl in der Kammer des Theaters Aachen. Bei der Premiere von „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“, einem Stück von Lukas Bärfuss aus dem Jahr 2003, bleibt dem Publikum gleich mehrfach das Lachen im Halse stecken.

Hauptfigur Dora ist „um ein Haar breit nur neben dieser Welt, und von ihr doch unüberwindlich getrennt“. Das Wort „Behinderung“ fällt in den 100 Minuten Spielzeit nicht. Dora ist vielmehr „anders“, „etwas ganz Besonderes“ oder „hat einen Dachschaden“. Ihre geistige Andersartigkeit wird nie offen ausgesprochen, sondern nur durch ihre Reaktionen auf die Erwachsenen angedeutet. Nele Swanton verkörpert die Rolle der Dora überaus glaubhaft. Es hat etwas Komisches und Trauriges zugleich, wenn sie sich dem „feinen Herrn“ (Benedikt Voellmy) an den Hals wirft und dabei gar nicht merkt, dass sie für ihn nur ein Spielzeug ist. Oder wenn sie davon spricht, ein „Kindchen“ mit ihm zu zeugen, das den schönsten Namen der Welt tragen soll: „Dora“.

Aber darf die Gesellschaft überhaupt darüber urteilen, was Dora glücklich macht? Schließlich beteuert die junge Frau, dass es ihr gefällt, wie grob sie der „feine Herr“ behandelt. Und sie sagt voller Entschlossenheit, dass sie mit ihm eine Familie gründen will. Doch spätestens hier stößt Doras Freiheit an eine Grenze: Sex haben darf sie, Kinder nicht.

Letztlich geht es im Stück aber nicht nur um die Tragik der Figur Dora, als vielmehr um die Ohnmacht und die neurotischen Reaktionen der anderen: Doras Chef (Markus Weickert) behandelt Dora wie ein Kind. Ihr Arzt (Frederik Jan Hofman) gibt ihr einen Regel-Katalog fürs „Liebe machen“ mit auf den Weg. Und ihre Eltern (Elke Borkenstein, Karsten Meyer), die sich selbst in sexuelle Eskapaden flüchten, überreden Dora zu einer Abtreibung und schließlich zur Zwangssterilisation. Nur die Mutter des Chefs (Elisabeth Egeling) scheint Dora ernst zu nehmen – und gibt ihr keine Regeln auf.

Ist dieser Ansatz des „Laissez-faire“ der korrekte Umgang mit Dora? Das Stück liefert keine Antworten darauf, was „richtig“ oder „falsch“ ist. Es wirft vielmehr die Frage auf, wie frei Andersartigkeit in unserer Gesellschaft gelebt werden darf. Ein kurzweiliges und aufrüttelndes Spiel, das mit großem Applaus belohnt wird.

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