Aachen - Politik und (Un)Menschlichkeit

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Politik und (Un)Menschlichkeit

Von: Grit Schorn
Letzte Aktualisierung:
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Mit freundlicher Gelassenheit: der US-Autor und Jurist Louis Begley in Aachen. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Mit freundlicher Gelassenheit wartete er auf die Nachzügler: Louis Begley, der kluge Erzähler und Jurist, der als Kind in Polen den Holocaust überlebt hatte und 1946 mit seiner Familie in die USA ausgewandert war, las im Rahmen der Jüdischen Kulturtage in Aachen.

1991 wurde er mit seinem bewegenden Erinnerungsbuch „Lügen in Zeiten des Krieges” weltweit bekannt. Später gaben elegant-ironische Romane wie „Schmidt” oder „Schmidts Bewährung” den Blick frei auf Schuld, Tod und Verzweiflung - hinter der Fassade des Bürgertums.

Nun stellte Begley gemeinsam mit Buchhändler Walter Vennen sein Buch „Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte” vor. Kein Roman, sondern ein Sachbuch, literarisch wie auch vom juristischen Standpunkt durchaus interessant. Der umständliche deutsche Titel verweist auf Parallelen zwischen der Teufelsinsel bei Cayenne (vor Französisch-Guyana) und dem ebenso unrühmlichen Gefängnislager Guantánamo im Südosten Kubas. Im Buch wird dies recht kurz abgehandelt, denn Begley (77) geht es um mehr: Sein Interesse gilt immer der Menschlichkeit - oder ihrem Fehlen.

Die berühmt-berüchtigte Dreyfus-Affäre in Frankreich, die 1894 ihren Anfang nahm und nahezu Ehre und Leben des angesehenen Artillerie-Offiziers Alfred Dreyfus vernichtete, wird von Begley minutiös aufbereitet. Dass der elsässische Jude Dreyfus gleich zweifach „verdächtig” schien, Landesverrat, verbunden mit Spionage für die Deutschen, verübt zu haben, veränderte das gesamte Staatswesen in Frankreich.

Wasserfolter und Psychoterror

Rassismus und Judenhass sowie unglaubliche Manipulationen, Intrigen und Rechtsbeugung brachten dem völlig unschuldigen Angeklagten ein furchtbares Urteil ein: lebenslange Verbannung auf die Teufelsinsel, wo wohl ähnliche Methoden wie später in Guantánamo herrschten - Isolation, Anketten, Wasserfolter und Psychoterror.

Emile Zola, der große Schriftsteller, setzte sich mit seinem flammenden „J´accuse” für Dreyfus ein. 1899 wurde der degradierte Offizier begnadigt; die schwere innenpolitische Krise führte unter anderem 1898 zur Gründung der Liga für Menschenrechte und zur Trennung von Kirche und Staat.

Begley erklärte im Anschluss an die Lesung, als Autor wie auch als Jurist an diesem Thema interessiert gewesen zu sein. Die „einzigartige französische Gesetzeslage”, die damals eine Berufung nicht möglich machte, habe ihn fasziniert, so der Autor. Aber ebenso habe ihn die grausame Deportation eines Unbescholtenen und Unschuldigen erschüttert.

Seine Antwort auf die Frage, ob Zola wirklich hilfreich oder eher doch problematisch für Dreyfus gewesen sei, fiel eindeutig aus: „Der Dichter war ganz bedeutsam für den Fall, der durch Zolas Appell in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geriet.” Man kann das als Plädoyer für Einflussnahme der Intellektuellen werten. Vielleicht lautet der amerikanische Originaltitel des Buches auch deshalb „Why the Dreyfus Affair Matters” (Warum die Dreyfus-Affäre wichtig ist).
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