London - Peter Gabriel: „Der Drang nach Leben steigt“

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Peter Gabriel: „Der Drang nach Leben steigt“

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Die britische Rocklegende Peter Gabriel spricht über Bühnen-Gockel und eiserne Ladys.
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„Es macht mir immer noch Spaß“: Peter Gabriel, hier links zu sehen während eines Auftritts in Wolfsburg 2012, kommt im Oktober für fünf Termine nach Deutschland. Neben Leipzig, Stuttgart, Hamburg und Berlin steht auch Düsseldorf in seinem Kalender. Foto: dpa, stock/Unimedia Images

London. Es juckt immer noch. Vier Jahre ist es her, dass Rocklegende Peter Gabriel für das Cover-Album „Scratch my Back“ (deutsch: Kratz meinen Rücken) die Werke von Musikerkollegen in Orchesterversionen umschrieb. Nun wurden die Rollen getauscht: Auf „And I´ll Scratch Yours“ (deutsch: „Und ich kratze Deinen“) nehmen Größen des Geschäfts sich Nummern aus dem Hause Gabriel vor.

Vertreten sind Namen wie David Byrne und Randy Newman, Brian Eno und Lou Reed. Neben der Entstehung des Albums hat Gabriel unserem Mitarbeiter Michael Loesl erklärt, was sich seit dem Tod seines Vaters verändert hat, warum das 20. Jahrhundert das letzte war, in dem es eine Privatsphäre gab, und wie man jenseits der 60 auf die Bühne steigt, ohne sich „zum Idioten“ zu machen. Gabriel tritt am Mittwoch, 16. Oktober, im Düsseldorfer ISS Dome auf.

 

Hat Ihr Rücken heute schon gejuckt, Mister Gabriel?

Gabriel: Mir juckt es in den Fingern, mit Ihnen über mein neues Album zu reden, das eigentlich gar nicht mein neues Album ist.

Aber „And I’ll Scratch Yours“ trägt doch Ihren Namen.

Gabriel: Es ist der zweite Teil des von mir angestifteten Song-Austauschprojekts „Scratch my Back“. Vor vier Jahren nahm ich Orchesterversionen großartiger Songs von Kollegen auf, jetzt erscheint die Revanche: Neuinterpretationen meiner Songs.

Rock-Stinkstiefel Lou Reed hat aus ihrem freudigen Hit „Solsbury Hill“ eine Moritat gemacht.

Gabriel: Ich wollte, dass sich Künstler meine Songs inhaltlich zu Eigen machen und etwas Neues schaffen. Es ist in allen Fällen gelungen und „Solsbury Hill“ ist typisch Lou, typisch großartig, ein Flehen um Erbarmen.

Warum erscheint das Album vier Jahre nach „Scratch my Back“?

Gabriel: Wissen Sie, ich bin eigentlich ganz froh darüber, beweist es doch, dass ich nicht der einzige Musiker bin, den man für eine Trantüte hält, obwohl weder ich noch meine geschätzten Kollegen Trantüten sind.

Kürzlich gönnten Sie sich ein Sabbatjahr. Warum?

Gabriel: Arbeit statt Beziehung und Familie war in jungen Jahren mein Lebensmotto. Meine erste Ehe zerbrach daran. Meine Söhne sind fünf und elf Jahre alt und ich fand, dass es an der Zeit war, mit ihnen und meiner Frau die Welt zu erkunden.

Es war also nicht nur Urlaub?

Gabriel: Es war ein Urlaub, der unsere Synapsen schwingen ließ. Wir waren in Lateinamerika, auf den Galapagos-Inseln, in Japan, bei der Nasa, wo wir mit Astronauten im Weltall sprachen, und in Botswana, wo mein Sohn und ich von einem Naturfotografen unterrichtet wurden. Begleitet wurden wir von einem Wissenschaftler, der uns als Lektor die Welt durch Biologenaugen zeigte.

Woher stammt Ihre Faszination für Wissenschaft und Technologie?

Gabriel: Mein Vater war Elektroingenieur und Erfinder. Er hat das Bezahl-Fernsehen erfunden. Seine Gene treiben mich und meine Söhne ganz sicher an.

Wie erlebten Sie den Verlust Ihres Vaters, der letzten September im Alter von 100 Jahren starb?

Gabriel: Eltern sind wie ein Glas-Fußboden, den man nicht wahrnimmt, bis er nicht mehr da ist. Dann fällt man tief und wundert sich darüber, wo das Fundament ist, auf dem man sein Leben lang sicher wandeln konnte.

Ein treffendes Bild.

Gabriel: Ich hatte das Glück, bei ihm sein zu dürfen, als er ging. Meine Schwester hielt seine linke, ich hielt seine rechte Hand. Obwohl er in den letzten Jahren nicht mehr seine gesamte Lebenskapazität besaß, nahm er unsere Verabschiedung war, wie er uns signalisierte, bevor seine Atmung langsamer wurde und er starb.

Was hat sich seither für Sie verändert?

Gabriel: Den Tod meines Vaters direkt erlebt zu haben, war eine der eindringlichsten Erfahrungen meines Lebens. Ich stelle zunehmend fest, dass man auch mit 63 Jahren noch Kind ist. Meine Mutter ist noch da, aber seit dem Verlust meines Vaters wird klarer, dass die Barriere zwischen dem vollkommenen Erwachsensein und mir kleiner geworden ist.

Jetzt klingt Ihre Stimme ein wenig verhalten.

Gabriel: Es ist die zunehmende Nacktheit, die vermutlich jeden trifft, der im fortgeschrittenen Alter seine Eltern verliert. Plötzlich wird mir bewusst, dass ich einer der nächsten sein werde, die zu gehen haben.

Ist das beängstigend?

Gabriel: Nein, ich wundere mich nur darüber, in welchem Maße der Drang nach Leben steigt.

Sie präsentieren Ihr „So“-Album ja nach 27 Jahren bald wieder live.

Gabriel: Ja, und meine Bühnenshow wird altersentsprechend sein, damit ich mich nicht zum Idioten mache. Ich habe einen Weg gefunden, um auch mit 63 halbwegs würdevoll auf der Bühne zu stehen. Es macht mir immer noch Spaß.

Das behauptet Mick Jagger auch.

Gabriel: Ich glaube es ihm auch. Für ihn ist das athletische Paradieren mit 70 ein wichtiges Lebenselixier. Mein Augenmerk lag immer eher auf dem musikalischen Gehalt, obwohl ich mich nicht davon frei sprechen kann, auch gerne den Bühnen-Gockel gegeben zu haben.

Den philanthropischen Bühnen-Gockel.

Gabriel: Meine Sozialisation fand in der Hippie-Ära statt. Die hat den Antagonisten in mir geformt.

Was sagt der politisch motivierte und technologiefreudige Peter Gabriel zur NSA-Ausspähung?

Gabriel: Mich haben die Aufdeckungen von Edward Snowden nicht überrascht. Es war schon in den 90er-Jahren bekannt, dass in einer Geheimdienst-Basis in Schottland jedes Wort von allen Gesprächen zwischen Europa und Amerika analysiert und aufgezeichnet wurde. Ich glaube, das 20. Jahrhundert war wahrscheinlich das letzte, in dem es Privatsphäre gab.

Ist das Ihre Prophezeiung?

Gabriel: Nein, es ist eine Tatsache. Forscher, die für Google tätig sind, arbeiten an der Technologie, die uns das gegenseitige Gedankenlesen ermöglicht. Ich schätze, wir müssen uns auf eine Umwelt ohne Privatheit einstellen.

Wie werten Sie das?

Gabriel: Ich werte es gar nicht, sondern plädiere lieber für Transparenz. Zwar wird vielleicht ein gewisses Maß an verdeckten Ermittlungen notwendig sein, um Terroranschläge zu verhindern. Aber ich finde, jeder sollte wissen, dass es Hintertüren im Internet gibt, die einfachen Zugang auf die Daten von Jedermann ermöglichen.

In Deutschland ist man deswegen schockiert.

Gabriel: Ich bin überhaupt nicht schockiert, aber ich halte es für wichtig, dass die Geheimdienste Einblick in ihre Arbeit geben, wenn sie wollen, dass man ihnen vertraut.

Sagen Sie das mal den Geheimdienstlern, die den Lebenspartner des Guardian-Reporters Glenn Greenwald am Londoner Flughafen stundenlang festhielten und verhörten.

Gabriel: Die hatten kein Recht dazu ihn festzuhalten. Mein Vorschlag ist, einen Ombudsmann einzusetzen, dem die Öffentlichkeit vertraut und der unseren Regierungen in ihren Geheimdiensttätigkeiten auf die Finger schaut.

Warum nicht Peter Gabriel als Ombudsmann?

Gabriel: Ich glaube, mich würde der englische Geheimdienst nicht als Ombudsmann akzeptieren, weil ich zumindest eine Weile lang von der englischen Staatssicherheit als gefährliches Subjekt eingestuft wurde.

War Ihr Aufnahmestudio verwanzt?

Gabriel: In den 80ern war mein Telefon angezapft worden. Damals konnte ich deutlich hörbares Klicken in meinen Telefonaten vernehmen. Hin und wieder machte ich mir einen Spaß daraus und warf den armen „Mithörern“ ein paar unterhaltsame Worte zu.

Haben Sie jemals erfahren, warum Sie bespitzelt worden waren?

Gabriel: Nicht offiziell, aber ich lernte einen Mitarbeiter vom englischen Geheimdienst kennen, der mir keine Auskunft geben wollte. Er erzählte nur bruchstückhaft und alles, was er nicht ausplauderte, machte klar, dass mein Telefon angezapft war. In den 80er Jahren war ich Mitinitiator einer Tournee für Amnesty International. Die Organisation galt im Polit-Establishment der Thatcher-Ära als linksradikal.

Und Sie sangen über den südafrikanischen Bürgerrechtler Stephen Biko.

Gabriel: Ja, vergessen Sie nicht, dass die Eiserne Lady Nelson Mandela für einen Terroristen hielt.

Apropos Eiserne Lady. Was hält der politische Weltbürger Peter Gabriel von der „Eisernen Kanzlerin“ Merkel?

Gabriel: Ich habe gemischte Gefühle zur Regentschaft von Merkel. Während unser englischer Premierminister ein Pragmatiker ist, handelt sie oft aus Überzeugung, was ich eigentlich gut finde, unabhängig davon, ob man ihr zustimmen mag oder nicht.

Stimmen Sie Merkels Politik zu?

Gabriel: Der Wahlausgang in Deutschland hat einen Schlüsseleffekt für Europa. Deutschland ist in wirtschaftlicher und finanzieller Hinsicht für Europa, was China für den Rest der Welt ist, das entscheidende Kraftwerk. Eine visionäre Sichtweise zur Gemeinschaft Europa ist von Nöten und deshalb ist es Zeit für einen Regierungswechsel in Deutschland.

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