Bonn - Paradiesische Schönheit in schwerer Zeit

alemannia logo frei Teaser Freisteller

Paradiesische Schönheit in schwerer Zeit

Von: dpa/epd
Letzte Aktualisierung:
madonnenbild
Friesentor-Madonna, Köln, um 1370-80. Foto: Rheinisches Bildarchiv

Bonn. Maria und Jesus haben offenbar zusammen viel Spaß. Lächelnd berührt die Madonnenfigur mit der rechten Hand die Fußsohle des Kindes, als ob sie es kitzelt. Der Säugling lacht und rudert mit den Armen.

Die um 1380 entstandene Marienstatue aus dem Metropolitan Museum of Art in New York ist eines der herausragenden Exponate der Ausstellung „Schöne Madonnen am Rhein”, die im Rheinischen Landesmuseum in Bonn zu sehen ist. Mehr als 60 rheinische Marienstatuen des 14. Jahrhunderts werden dort unter dem Titel „Schöne Madonnen am Rhein” gezeigt. Neuentdeckungen aus Kirchen und Klöstern von Würzburg bis Köln werden durch Leihgaben aus den großen Museen des In- und Auslandes ergänzt - darunter auch die thronende Muttergottes aus New York.

Zeitgenössische Frömmigkeit

Es handelt es sich dabei um Madonnen des „schönen Stils”, die um das Jahr 1400 entstanden. Sie sind Ausdruck der zeitgenössischen Frömmigkeit. Der Begriff der „schönen Madonna” steht für einen bestimmten Typus der Marienfigur, die das Kind liebevoll mit der linken Hand umfasst und in weite, fließende Gewänder gekleidet ist. „Gerade weil sich Schönheitsköniginnen nicht gut miteinander vertragen, haben wir die Figuren zum Teil relativ weit auseinander gerückt”, sagte Professor Robert Suckale, gemeinsam mit seiner Frau Gude Suckale-Redlefsen Kurator der Schau. So könne der Besucher jede Skulptur einzeln für sich studieren.

Im 15. Jahrhundert hätte das bis dahin beliebte Genre der Skulpturen dann der Malerei weichen müssen, sagt Suckale. Aber um 1400 erlebte es seine letzte ganz große Blüte, auch im Rheinland. Jüngere Forschungen ergaben, dass die drei rheinischen geistlichen Kurfürsten in Köln, Mainz und Trier damals eine Art Gegenregierung zum böhmischen König und deutschen Kaiser Wenzel betrieben. Das fand seinen Ausdruck nicht nur im rheinischen Münzverein mit dem rheinischen Gulden. Es wirkte sich auch auf die Kulturpolitik aus. Die drei rheinischen Zentren tauschten sich enger miteinander aus und verfolgten eine gemeinsame Richtung.

Mit großer Leidenschaft bemühten sich die Bildhauer und Holzschnitzer des 14. Jahrhunderts für die Gottesmutter und ihr Kind um ein neues Schönheitsideal - ein Ideal, in dem Irdisches und Überirdisches miteinander verschmolzen. So sollte Einzigartigkeit und Auserwähltheit veranschaulicht werden. Die Künstler schufen Statuen von starker Dynamik und sinnlichem Reiz. In einer von Epidemien, Krieg und Hungersnöten geplagten Zeit eröffnete das Madonnenbild Fluchtwege in ein Reich paradiesischer Schönheit.

Die Madonna aus New York ist dabei nicht nur die am weitesten gereiste Figur, sondern auch ein besonders kurioses Stück. Denn sicher hatte der Künstler nie die Idee, eine kitzelnde Marienfigur zu schaffen. Doch die rechte Hand der Madonna und das rechte Bein des Kindes gingen offenbar verloren und wurden irgendwann ersetzt. Ursprünglich zeigte das Jesuskind wohl seinen Fuß als Andeutung der bevorstehenden Nageldurchbohrung vor.

Die Figur ist ein Beispiel für ein Dauerproblem, das die Ausstellungsmacher in Bonn hatten. „Es gibt kaum Figuren, die noch so sind wie sie geschaffen wurden”, sagt Co-Kuratorin Suckale-Redleffsen. Die Ausstellung berücksichtigt dies, indem sie auch der Restaurierung von Madonnen ein Kapitel widmet. Auch die nicht seltenen Fälschungen mittelalterlicher Figuren werden thematisiert.

Bei der Sichtung und Restaurierung von Statuen machte das Landesmuseum jedoch die umgekehrte Erfahrung. Eine Figur, die ursprünglich für eine Fälschung aus dem 19. Jahrhundert gehalten wurde, erwies sich als echt. Dabei handelt es sich um einen sogenannten „Gnadenstuhl”, eine Darstellung der Dreifaltigkeit, die bislang ein Schattendasein in den Archiven des Museums führte.

Ziel der Ausstellung sei es, eine Neubewertung dieser Kunstwerke anzuregen, sagt Suckale. Bei den Statuen handele es sich um mehr als reine Marienbilder. Vielmehr spiegelten sich in den Madonnen die gesamten damaligen politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse im Rheinland.

Die äußerliche Schönheit der Marien- und Jesuskind-Darstellungen werde häufig lediglich als Zeugnis des Schönheitsideals dieser Zeit betrachtet, sagt Suckale. Allerdings habe die körperliche Schönheit damals eher als Sinnbild für die geistige Reinheit gestanden. Maria sollte Eva an Schönheit überbieten. Durch ihre Reinheit sollte sie das Schlechte, das Eva über die Menschheit gebracht hat, wieder zum Guten wenden. Besonders deutlich wird das durch Mariendarstellungen, in denen das Jesuskind einen Apfel in der Hand hält.

Die Ausstellung ist bis zum 25. April im LVR-Landesmuseum in Bonn, Colmantstraße, zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags, donnerstags, freitags, samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr sowie mittwochs von 10 bis 21 Uhr. Begleitend zur Ausstellung werden zahlreiche Vorträge und Lesungen angeboten, unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Forum und dem Katholischen Bildungswerk. Infos zur Ausstellung: 0228/20700.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert