Panoptikum der Gescheiterten

Von: Grit Schorn
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„Verbrechen und Strafe” nach dem Roman von Dostojewski im Theater Aachen: mit Fredrik Jan Hofmann (links) und Oleg Zhukov. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Die Bühne liegt im Halbdunkel, der Zuschauerraum bleibt zunächst hell. In einem englischen Nachtclub, der eher an Gorkis „Nachasyl” erinnert, treffen sich traurige Gestalten. Darunter auch Marmeladow, der philosophische Säufer, seine Tochter Sofja, die durch „Tanz” und Prostitution die gesamte Familie ernährt, lässt endlos lange Beine sehen.

Im maroden Rotlicht-Club, dessen Türinschrift schon das Fluchen verbietet, sind die Fluchbeladenen unter sich - ein russisches Emigrantenvölkchen, das die eigene Sprache fast schon vergessen hat.

Und in ihrer Mitte der hübsche, junge Student der Rechte, Raskolnikow, der nach seinem Vornamen Rodion liebevoll „Rodja” genannt wird. Studieren tut er nicht mehr, er hat keine Aussicht auf einen Job, und er ist zum Mörder geworden. An einer alten Pfandleiherin, einer wertlosen, raffgierigen „Laus”, und deren Schwester.

So sieht es der junge Mann im „Prekariat”, der nach Bedeutung strebt. Er sieht sich als Übermenschen, der keinem Gesetz und keiner sozialen Ordnung folgen muss - der perfekte Terrorist? Die anderen scheinen zu ahnen oder zu wissen, was er getan hat. Was den Club der Verlorenen hübsch zusammen-hält...

So beginnt die Inszenierung von Albrecht Hirche, der auch für Kostüme und Bühne (mit einem schaumig wirkenden „Teppich” aus Plastikbechern) verantwortlich ist. Es geht um Fjodor Dostojewskis berühmtesten Roman „Schuld und Sühne”, der in der modernen Übersetzung von Swetlana Geier den passenderen Titel „Verbrechen und Strafe” erhielt.

Die Dramatisierung von Tim Krohn nutzt Hirche (zuletzt mit „Der Asylsucher” in Aachen vertreten) für ein Panoptikum von Gescheiterten zwischen traurigen Palmen. Ärgerlich: Den Auftakt mit dem grandiosen Marmeladow-Darsteller Georg Marin verpasst man fast, weil die Lautstärke nicht stimmt.

Alles wirkt zunächst sehr beliebig, da freut man sich über den versoffenen Marmeladow, der seinen Aggregatzustand beschreibt: „Je mehr ich trinke, um so mehr fühle ich.” Raskolnikow in engen Lederhosen und Buchstabenpullover mag nichts trinken, nichts fühlen - Oleg Zhukov, der Schauspieler mit russischen Wurzeln, gibt dem Zerrissenen einen Hauch von Hamlets Zorn und Sanftheit.

Zwischen eisiger Wut und fiebriger Rastlosigkeit zeigt er spastische Symptome, die vermutlich an Dostojewskis epileptisches Leiden erinnern sollen. Bei Hirche hat das auch etwas von Rock ´n´ Roll und Drogen.

Dazu passt Fredrik Jan Hofmanns Spiel als souveräner Freund Rasumichin, der als Dealer auch Raskolnikows überdrehte Schwester Dunja (ausgezeichnet: Franziska Lehmann) mit Stoff versorgt. Die Rolle der Sofja, fordert Anne Wuchold nicht viel ab - die Regie macht diese Figur, bei Dostojewski mit höchstem Edelkitsch-Faktor versehen, folgerichtig zu einem sterilen Popanz zwischen Heilige und Hure.

Gut besetzt sind Nebenrollen wie der zwielichtige Gutsbesitzer Swidrigajlow (Rainer Krause) und Luschin (Joey Zimmermann), der als ehemaliger Rechtsanwalt Sofjas Kunde und Dunjas Verlobter ist.

Es wird deutsch, russisch und englisch gesprochen, philosophiert und zuweilen gesungen. Elisabeth Ebeling imponiert in ihrer fast stummen Rolle als Amme mit blondem Zopf, fast wie eine gealterte Gruschenka aus den „Brüdern Karamasow”.

Den scharfsinnigen Staatsanwalt Petrowitsch spielt Karsten Meyer famos mit fadenscheiniger Eleganz und viel Verständnis für den Mörder, der anfangs an den „perfekten Mord” glaubte.

Auf der Drehbühne kreist das Stück schier endlos dem Ende entgegen, bis sogar den Zuschauern schwindlig wird. Nach mehr als zweieinhalb Stunden spendet das etwas ermattete Publikum Applaus, besonders den guten Darstellern.

Beim Auftreten des Regisseurs wird der Beifall hörbar verhaltener.

„Verbrechen und Strafe” im Theater Aachen, Bühne. Weitere Vorstellungen: 10., 22., 28. März; 11., 17. April; 15., 27. Mai; 17., 18. Juni, 19.30 Uhr.
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