Aachen - Pädagogisch wertvoll, „kindgerecht” und ulkig: „Das Dschungelbuch”

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Pädagogisch wertvoll, „kindgerecht” und ulkig: „Das Dschungelbuch”

Von: Jenny Schmetz
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„Federleichte” Elefantenknö
„Federleichte” Elefantenknödel mit tanzenden Rüsseln am Stab: „Das Dschungelbuch” am Theater Aachen - hier mit Karsten Meyer (links) als Oberst Hathi und Robert Seiler als Mogli - besticht vor allem durch die Kostüme von Andreas Becker, die einfallsreich menschliche und tierische Attribute mischen. Foto: Carl Brunn

Aachen. Wenn Bär Balu pupst, Schlange Kaa rülpst und Affe Louis popelt, dann glucksen die kleinen Menschenkinder im Zuschauerraum vor Glück. Menschliche Macken sind den Bewohnern dieses Regenwalds genauso wenig fremd wie tierische Ticks.

Palmwedel, Riesenblätter und exotische Blüten schieben sich zwischen Wölfen, Affen und Elefanten auf bemalten Prospekten über die Bühne des Aachener Theaters: Als traditionelles Jahresend-Familienstück wird diesmal „Das Dschungelbuch” gespielt - mit Musik, Gesang und Tanz.

Laut schrillt der Jubel des 870-kehligen Publikums - schon bevor es überhaupt angefangen hat. Die Geschichte vom Menschenjungen Mogli, der im Dschungel von Wölfen aufgezogen wird und dort diverse Abenteuer durchlebt, kennt wohl jeder. Vielleicht weniger den härteren Urtext, Rudyard Kiplings „Dschungelbücher” (1894/95), als Walt Disneys weichgespültes Zeichentrick-Musical. Diese Popularität erzeugt bestimmte Erwartungen - was auch von Nachteil sein kann, wie sich zeigen wird.

Erst einmal bietet die Aufführung aber all das, was gemeinhin als „kindgerecht” vermutet wird: Sie ist fröhlich, bunt und witzig. Besonders für Ältere ermöglicht sie zudem ein heiteres Zitate-Raten: Einfallsreich mit Anleihen aus der Popkultur spielt Kostümbildner Andreas Becker, der auch die eher schlichte Wald-Bühne mit verschiebbaren Podesten entworfen hat.

Mit Tolle und Silberjäckchen

So stolziert Shere Khan im getigerten Mantel Dolche leckend wie Piratenkapitän Jack Sparrow alias Johnny Depp aus dem „Fluch der Karibik”. Affenkönig King Louis (ebenfalls Benedikt Voellmy) wackelt unter Tolle und Silberjäckchen mit der Hüfte wie „The King” Elvis Presley. Das Menschenmädchen (Anna Scholten), in das sich Mogli verguckt, erinnert an eine bezopfte Pocahontas. Und Schlange Kaa (Karsten Meyer) stellt mit blinkender Hypnose-Brille und Handtäschchen den Transvestiten Dame Edna singend und spielend in den Schatten.

Regisseurin Teresa Rotemberg hat sich ihr Gesten- und Bewegungsvokabular vor allem im Zoo abgeguckt. Panther Baghira (Emilia Rosa de Fries) etwa darf ausgiebig Pfoten lecken und Ohren kratzen. Man kann nur hoffen, dass die Schauspieler keine Rückenschäden davontragen, denn meist tapsen sie gebeugt oder kriechen auf allen Vieren über die Bühne - was wiederum einige Kinder im Publikum wegen schlechter Sicht veranlasst, die Vorstellung durch zu stehen.

Von der Tänzerin Rotemberg hätte man bei den Choreografien vielleicht etwas mehr als Purzelbaum und Bocksprung erwartet. Effektvoll ist allerdings der Auftritt von Mogli: Robert Seiler schwingt sich an einer Liane herein und sieht so aus, als wäre er geradewegs vom Strand in Malibu eingeflogen: Wie ein cooler Surfer trägt er gebräunte Muckis, Dreadlocks und Badeshorts. Er schwitzt viel, aber in der Gunst des jungen Publikums gewinnt er nicht die goldene Palme. Die geht wohl eher an die Elefantenkompanie, die mit tanzenden Rüsseln am Stab und wackelnden Khaki-Shorts unterm Ballonbauch heftig beklatscht wird. Ein ulkiges, „federleichtes” Elefantenknödel-Ballett!

Anders als in der wortlosen Tanz-Version des „Dschungelbuchs”, die 1989 am Stadttheater zu sehen war, wird nun leider eher ein bisschen zu viel geredet. Die Dialoge scheinen das Prädikat „pädagogisch wertvoll” mitliefern zu wollen, mit Moglis Identitätskonflikt (ist er nun Mensch oder Dschungeltier?) und Merksätzen wie: „Das Zusammenleben im Dschungel braucht Regeln” oder „Hör auf dein Herz!”.

Heiß erwartet wird dagegen jede Musik-Nummer. Den Schauspielern, die mit einer Energie- und Umzieh-Meisterleistung abwechselnd bis zu vier Rollen übernehmen, fehlt zum Singen trotz Mikrofonverstärkung manchmal die Puste. Nur Meyer und Voellmy können schön rockig röhren. Gerade Markus Weickert als Bär Balu bringt leider ein größeres Volumen im umgebundenen Schwabbelbauch mit als in der Stimme.

Wegen der Songs wird wohl nicht nur der blonde Stöpsel, der im Zuschauerraum vor Beginn den bärigen Lobgesang auf die Gemütlichkeit auswendig vorsingt, ein langes Gesicht gezogen haben. Evergreens wie „Probiers mal mit Gemütlichkeit” aus dem unkaputtbaren Disney-Film werden hier nicht gesungen. Zwar erkennt man bekannte Melodien wieder, aber Malcolm Kemp hat sie flott und neu arrangiert und komponiert - von Moglis Rap bis zu King Louis Rock n Roll. Und die Texte sind ebenfalls ungewohnt. Denn gespielt wird eine Fassung von Roland Hüve, die 2004 in Bielefeld uraufgeführt wurde.

Zum Mitsingen haben die 870 Kehlen also kaum eine Chance. Aber „Zugabe” brüllen sie dann umso lauter. Und spätestens, wenn die Menschenkinder das dritte Mal im Aachener Dschungel waren, geht ihnen der neue Text sicherlich locker über die Lippen: „Gutes Jagen!”

Weitere Aufführungen noch bis zum 10. Februar

„Das Dschungelbuch” im Theater Aachen dauert etwa 75 Minuten plus Pause. Das Familienstück mit Musik in einer Fassung von Roland Hüve soll für Menschen ab sieben Jahren geeignet sein.

Bis zum 10. Februar stehen noch 35 Vorstellungen auf dem Spielplan. Für viele Aufführungen gibt es allerdings nur noch Restkarten.

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