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„Out of control”: Biennale der Fotografie und visuellen Künste in Lüttich

Von: Manfred Kistermann
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Körperkunst: Der New York lebende Fotograf Martin Schoeller hat Bodybuilderinnen aufgenommen. Seine Arbeiten sind bei der Lütticher Biennale zu sehen. Foto: Manfred Kistermann

Lüttich. Videokameras beäugen uns auf Straßen und Plätzen. Leibwächter bedeutender Persönlichkeiten haben die Szene im Blick. Frauen mutieren zu Muskelpaketen. Alles unter Kontrolle!? Manches gerät außer Kontrolle.

Sehen, ohne gesehen zu werden ist nur ein Aspekt. Kontrollverlust über das eigene Ich ein anderer. Zügellosigkeit, Chaos, Unordnung drohen, wenn wir den Überblick verlieren. „Out of control” lautet der Titel einer eindrucksvollen Bilder- und Videoschau in Lüttich, der „Biennale der Fotografie und visuellen Künste”.

Im Museum der modernen Kunst, dem Mamac, ist die „Schau der Ungezähmten” zu bestaunen. Hier beeindrucken vor allem die Bilder des deutschen, in New York lebenden Fotografen Martin Schoeller. Der ehemalige Assistent von Annie Leibovitz zeigt beeindruckende Porträts von Bodybuilderinnen, die den Betrachter zwiegespalten zurücklassen. Die riesige Bilderwand des belgischen Fotografenkollektivs „Smoke” zeigt, wohin Kontrollverlust führen kann: Alkoholsucht, Prostitution, Verbrechen, Tod.

Zu Gast: Eine Gruppe aus Berlin

Gast der Biennale ist in diesem Jahr eine Berliner Gruppe, die vom Kurator der Newton-Stiftung, Matthias Harder, und seinem Kollegen Felix Hoffmann von der Galerie C/O, zusammengebracht wurde. Im Museum Grand Curtius sind die Werke der sieben Fotokünstler zu sehen: Kontrolle über Körper, Gegenstände, Räume, mediale Bilder und ihr Verlust.

Beeindruckend das Werk der jungen Victoria Binschtok, die sich mit den wachsamen Augen von Leibwächtern auseinandergesetzt hat. Sie schuf keine eigenen Fotografien, griff dafür zu Pressebildern von offiziellen Anlässen, nahm die Prominenten durch partielles Wegschneiden aus dem Blickpunkt und rückte die Männer, die sonst diskret in Hintergrund stehen, ins Rampenlicht: Alles unter Kontrolle, sagen die Blicke. In seinem multimedialen Projekt „Portraits of Serialsammler” schlüpft Thorsten Brinkmann in immer neue absurd-humoristische Kostüme.

Skurrile Dinge aus Altkleidersammlungen bevölkern mit dem Träger die bühnenhafte Szenerie, die im Museum teilweise mit zum Ausstellungsgegenstand wird. In einer großangelegten Bildserie von Überwachungskameras in Berlin untersucht Frank Thiel die ständige Observierung bestimmter Areale in der Nähe von vermeintlich schützenswerten Gebäuden. „Der Kontrollwahn hat sich inzwischen verselbständigt und nimmt Züge an, die eher an George Orwell erinnern als unser aller Sicherheit zu gewährleisten”, meinte Kurator Matthias Harder anlässlich der Eröffnung. Und: „Wissen wir überhaupt, wer was und wo alles kontrolliert - und wer kontrolliert eigentlich die Kontrolleure?”

Einblicke in eine eher düstere Welt bietet eine Bilderschau in einer ehemaligen Fabrikhalle. Hier sind Gefängnisszenen, Zellen von Todeskandidaten und die Vorrichtungen zur Vollstreckung der Todesstrafe in den USA zu sehen.

Wenige Meter entfernt steht das Thema Kontrolle in der Nacht im Mittelpunkt: Helikopter, die über einem Tatort kreisen, Nachtaufklärer, die mit ihren Flugzeugen startbereit auf Pisten stehen, Farbbilder, die die Nacht geschönt, aber nachdenkenswert darstellen.

Die Lütticher Biennale ist keine reine Fotoschau, sie zeigt Videoinstallationen ebenso wie Collagen und Aktionen. Dennoch: Die Bilder stehen im Vordergrund. Es ist nicht nur die herkömmliche Sehweise, das Einfangen von Augenblicken. Bewusst in Szene gesetztes, in Bilder verwandeltes Denken machen den Reiz aus. Moderne Fotografie ist mehr als die Lichtbildnerkunst eines Cartier-Bresson, Wegee, Avedon oder Nachtwey.

Die Lütticher Biennale beweist, wie breit man sich mit einem Thema auseinandersetzen kann. Die Macher sehen die „BIP 2010”, so der offizielle Titel, als ein euregionales Ereignis. Neben Lüttich stehen nämlich fünf zusätzliche Ausstellungen außerhalb der Stadt auf dem Plan. Dazu gehören die Arbeiten von Andreas Fogarasi im Aachener Ludwig Forum, aber auch die Fotografien von Alice Smeets, Christian Roosen, Thomas Brenner und Willi Filz im IKOB Eupen. Weitere Bilderschauen in Hasselt, Heerlen und Sittard runden das Angebot ab.

Die 7. Internationale Biennale der Fotografie und visuellen Künste ist noch bis zum 25. April in Lüttich zu sehen. Die Veranstaltung wird seit 1997 vom Centre culturel de Liége - Les Chiroux organisiert. Sie wird alle zwei Jahre zu einem bestimmten Thema konzipiert. In diesem Jahr gibt es sieben Standorte:
ArtikelSalle Saint-Georges des Musèe d´Art wallon, Hangar B9 auf dem Gelände der ESA Saint-Luc, Musèe d´Art moderne et d´Art contemporain, Cabinet des Estampes, Centre Culturel de Liége, Brasseurs, Espace d´art contemporain, Kirche Saint-Andrè.

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