„Orpheus²“: Abgerissene Gestalten aus der Unterwelt

Von: Armin Kaumanns
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Experimentierfreudiges Ensemble bei „Orpheus²:“ Mit dem Opernprojekt von Musikhochschule und Theater Aachen hat der Komponist Ole Hübner ein multimediales Spektakel geschaffen. Foto: Marie-Luise Manthei

Aachen. Besonders spannend dürfte so ein Gesangsstudium an der Opernakademie auf jeden Fall werden, wenn es auf den Jahresabschluss zugeht. Denn dann wird es für die angehenden Berufsmusiker Ernst mit der Bühnenluft und der Theaterwirklichkeit. Seit Jahren schon steht das Theater Aachen Pate für den Nachwuchs der Musikhochschule Köln, stellt das professionelle Equipment zur Verfügung, nimmt die Opern-Produktion in den Spielplan auf.

In diesem Jahr durfte man besonders gespannt sein, denn es stand eine Uraufführung auf dem Programm.

Ole Hübner, der Komponist, ist gerade einmal 20 Jahre alt. Ein junger Schlaks mit Baseball-Kappe, Jeans und T-Shirt mit programmatischem Aufdruck „The End“. Seit sechs Jahren studiert er schon Komposition, zunächst in Hannover, jetzt in Köln. Er gibt Linktipps für die renommierte „neue musikzeitung“, bloggt über Kunst und Leben. Lebensmittelpunkt sind Köln und Berlin. Seine erste Oper ist er so angegangen, wie sein Leben: Er erhielt den Auftrag für „Orpheus²“, also stellte er sich ihm. Thema: Orpheus. Besetzung: vier hohe und drei mittlere Soprane. Hübner lebt offenbar in einer Welt der rasant schnellen Schnitte, der Reizüberflutung aus allen Richtungen, der persönlichen Vorlieben für Rock und Mythen. Und so ist auch seine Oper „sweetieorpheus_27“, die im Titel wie eine Identität im Internet daherkommt. Als äußerst anstrengendes Sammelsurium von Klang-, Bild- und Sound-Zitaten überschwemmt sie die Bühne des Theaters.

Steinbruch für das Libretto

Hübner sollte im Grunde den verloren geglaubten dritten Akt von Charpentiers barocker Orpheus-Oper komponieren: die Tragödie nach der Befreiung Eurydikes aus der Unterwelt. Und hat bei der Materialsuche sein Interesse auf den „Club 27“ gerichtet, der Vereinigung von mit 27 Jahren gestorbenen Rock-Größen wie Jimi Hendrix oder Nirvana-Gitarrist Kurt Cobain. Als Steinbruch für das Libretto dient ihm ein Gespräch, das Komponist Morton Feldman in den 70ern mit anderen Musikern führte. Orpheus ist für ihn ein Popstar, dem er gleich vier Identitäten verleiht, die restliche drei Sängerinnen bleiben für Eurydike.

Der Abend beginnt mit einem grandiosen Auftritt eines Popstars. Jenseitsmäßig ausflippende Fangemeinde vom Band – Videoflimmern auf der ganzen Bühne, auf der schließlich mit ausgebreiteten Armen Q-Won Han sichtbar wird, der Orphée-Darsteller im Charpentier-Teil Überblendung in die Ouvertüre. Nach einer knappen Stunde, wenn Charpentiers Musik zu Ende ist, blendet über dem Sound des stimmenden Orchesters die Patchwork-Partitur Hübners auf. Zitate, Anklänge, Musik live aus dem Graben, live dazugemixt am Mischpult. Samples aus der virtuellen Zeitlosigkeit.

Viel Schlagwerk, ganz schön anspruchsvolle und manchmal interessante Orchesterklänge, bisweilen wunderbare sängerische Ensembles, gerade unter den hohen Sopranen. Es darf auch mal gelacht werden, wenn das Orchester eine kurze Stöhnorgie aus dem Off verlautmalt. Die Aktion auf der Bühne scheint nicht wirklich mit der Musik vernetzt zu sein. Die vier Orpheus-Klone verknoten sich bisweilen mit dem immerzu auf der Bühne herumgeisternden Charpentier-Orphée. Im Halbdunkel lungern da auch noch die abgerissenen Gestalten herum, die sich als tragische Helden im barocken Teil des Abends von Orpheus’ Gesang ihre immerwährenden Leiden lindern ließen. Bei Hübner greift er zur Bierflasche.

Sängerinnen und Orchester leisten in Hübners Werk Außergewöhnliches. Ein wenig hat man den Eindruck, als sei der Charpentier (samt der vielen beteiligten Sängerinnen und Sänger) in der Probenarbeit ein wenig zu kurz gekommen. Raimund Laufen im Graben hält zumindest das Hochschulorchester wohlklingend zusammen, der Kontakt zur Bühne wackelt jedoch einige Male bedenklich. Barockes klingt gerade sängerisch sehr heikel. Dennoch muss die Leistung von Q-Won Han im Haut-Contre, ein sehr seltenes hohes Tenorfach, herausgestellt werden. Die Regie von Tibor Torell führt das unerfahrene Personal behutsam über die zwei Ebenen der Swimmingpool-Bühne von Dominique Muszynski, über die ein gewaltiger Styx aus Plastikplane führt. Die Inszenierung bleibt disparat, das Ende kommt überraschend. Danach ist man hellwach.

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