Opern-Doppelabend: Glühende Leidenschaft am Telefonhörer

Von: Armin Kaumanns
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Eine Stunde lang brodeln ihre
Eine Stunde lang brodeln ihre Gefühle am Telefon: Irina Popova singt und spielt in Poulencs „La voix humaine” die Partie der verlassenen Frau und erntet nach dem ersten Teil des Doppel-Opernabends im Theater Aachen begeisterten Beifall. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Opernregisseure können einem manchmal leidtun. Meist haben sie es mit uralten Vorlagen zu tun, deren Aktualität sie nachweisen müssen.

Dies ist für sich schon keine leichte Übung, deren Schwierigkeit sich dadurch noch steigern lässt, dass man zwei Stücke, die nichts miteinander gemein haben, zu einem Opern-Doppelabend collagiert.

Alexander von Pfeil, dessen „Butterfly” der letzten Spielzeit noch in Erinnerung ist, hat es sich nun also auf die Fahnen geschrieben, Francis Poulencs Mono-Oper „La voix humaine” von 1959 und Monteverdis 300 Jahre älteres Madrigal „Il Combattimento di Tancredi e Clorinda” im Theater Aachen sinnhaft zu vereinen. Diese Angelegenheit währt kurzweilige zwei Stunden, darf somit als spannend gelten. Es ist eine kleine Arbeit fürs Große Haus, deren Konsistenz jedoch fraglich bleibt.

Eindrucksvoll bewältigt

Sehr, sehr eindrucksvoll bewältigt Irina Popova die so einzigartige Partie der Frau in Poulencs „La voix humaine”. In dieser rund einstündigen Oper hat der französische Komponist einem Telefongespräch Bühnenweihe verliehen: Jean Cocteaus autobiografisch gefärbtes Drama um das letzte Telefongespräch der verlassenen Frau mit dem fernen Ex entwickelt in der unsentimentalen, einen eigenen Parlando-Stil erfindenden Tonsprache Poulencs eine dramatische Intensität, der man sich nicht entziehen kann.

Irina Popova verglüht förmlich in den Qualen der Verlassenen. Mit dem Hörer am Ohr zieht sie das Telefon an der Schnur durch den effektvoll zugespitzen, weißen Raum, den Piero Vinciguerra dem Doppelabend baute. Bodenlose Verzweiflung brodelt aus den Belanglosigkeiten, Liebesschwüren, Lügen, Intimitäten, die die Popova ihrem unsichtbaren Verflossenen mitteilt - gefährdet und immer wieder ironisch unterbrochen von den Tücken der Technik und dem Fräulein vom Amt. Und wieder klingelt das Xylophon. Wie dieses Drama Form gewinnt, Sogkraft, das ist der intensiven Zusammenarbeit zwischen der Sopranistin und dem von Péter Halász kongenial geleiteten Sinfonieorchester zu danken.

Von Pfeil nun meint, dieses Seelendrama, das in immer wieder hinreißend lyrisch anschwellender Musik vor allem in den Köpfen der Zuhörer Gestalt gewinnt, mit allerlei Requisiten tapezieren zu sollen. Man sieht in Funktion den funktionslos gewordenen Brautschleier, allerlei Beziehungsmüll zerrissen auf dem Boden, Schuhschachteln, einen Wäschekorb samt Bügelbrett. Nach dem Schlussakkord öffnet sich die Frau nicht noch einmal die Pulsadern, sie schießt sich auch keine Kugel ins Hirn, sondern verlässt in Pumps und Mantel türenknallend den Ort ihrer seelischen Marter. Wers glaubt . . . Das Publikum zeigte sich begeistert, Irina Popova musste vier Mal vor den Vorhang treten.

Nach gefühlt halbstündiger Pause folgt gefühlt 20-minütig Monteverdi, dem eine zeitgenössisch instrumentierte Renaissance-Parodie von Salvatore Sciarrino
vorausgeht. Das nutzt die Regie, im gleichen Raum wie zuvor eine Handvoll martialischer Soldaten auftreten zu lassen, die ihren Chef im Lotterbett mit einer Dame schlafend vorfinden. Dieser Tancredi hat während des sich anschließenden „Combattimento” mit seiner vormaligen, inzwischen maskierten Bettgenossin Clorinda nicht mal Zeit, sich etwas überzuziehen.

Und so sehen wir einen Georgios Iatrou in Unterhosen mit Katrin Stösel in Springerstiefeln mit Messern kämpfen, dass das Blut in Strömen fließt.

Zu singen haben beide kaum etwas, das übernimmt der Erzähler, dem Patricio Arroyo barock Stimme verleiht. Wieder vollziehen die Akteure am Rande der Handlung allerlei Skurriles und wenig Intensität Förderndes. Außerdem entpuppt sich der Kampf der Geschlechter political incorrect als stellvertretend: Hier ist das Christentum (Tancredi) gegen den Islam (Clorinda) auf dem Kreuzzug, was dazu führt, dass die Frau, als sie besiegt am Boden in ihrem Blute liegt, verzückt um die Taufe bittet.

Sterbende Frauen singen auf der Opernbühne gern, erstaunlich viel, und die aktuelle Stipendiatin der Theater-Initiative Katrin Stösel besonders zart und schön. Am Schluss machen sich die Schergen einen Spaß daraus, der Leiche eine Bombe mit Zeitzünder unterzulegen und zu verduften. Das ist dann ganz und gar nicht mehr lustig. Der Schlussbeifall war einhellig.

Die weiteren Vorstellungen

Opernabend mit „La voix humaine/Il combattimento di Tancredi e Clorinda” im Theater Aachen.

Weitere Vorstellungen: 12., 20., 26. November; 16. Dezember; 5., 18. und 29. Januar.

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