München - „Ö-TV” und „Rudelgucken” chancenlos gegen „Public Viewing”

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„Ö-TV” und „Rudelgucken” chancenlos gegen „Public Viewing”

Von: Roxane Schwandt, dpa
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Beim Public Viewing stehen Hunderte Fußballfans auf öffentlichen Plätzen, meist in praller Sonne, ganz eng beieinander und jubeln und weinen gemeinsam. Foto: dpa

München. „Public Viewing” - spätestens seit dieser Fußball- WM weiß jeder, was es heißt: Hunderttausende stehen auf öffentlichen Plätzen, meist in praller Sonne, ganz eng beieinander und jubeln und weinen gemeinsam.

Jubeln, wenn Klose und Podolski Tore schießen, und weinen, wenn die anderen die Tore schießen. Nur wenigen Menschen hierzulande ist allerdings bewusst, dass der Begriff „Public Viewing” im angelsächsischen Raum meist die öffentliche Aufbahrung von Toten meint.

Ein Glück, dass die Fanmeilen mit den riesigen Leinwänden dem Publikum eine höchst lebendige Atmosphäre bieten. Nicht anders wird es auch bei den letzten beiden WM-Spielen beim „Public Viewing” zugehen, wenn Deutschland und Uruguay am Samstag um Platz drei und am Sonntag die Niederlande und Spanien um den Titel spielen.

Seit der WM 2006 in Deutschland mit mehr als 15 Millionen Menschen auf den Fanfesten und -partys ist der englische Ausdruck in aller Munde. Er reiht sich in die lange Tradition der mehr oder weniger ernst zu nehmenden Anglizismen ein - allen voran Neologismen wie „Handy” und „Showmaster”.

Diese Begriffe existieren entweder gar nicht in der englischen Sprache oder meinen etwas anderes. Dabei mangelt es nicht an Beispielen für Pseudo-Anglizismen in der deutschen Sprache. „Public Viewing” ist immerhin im englischen Sprachraum bekannt.

Pünktlich zum Auftakt zur Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika fand das „Denglische” auch wieder Aufschwung im öffentlichen Sprachgebrauch, wenngleich es eigentlich kein neues Phänomen ist. Mit der Einführung englischer Sportarten in Deutschland vor über 100 Jahren wurden auch viele Ausdrücke übernommen oder nur spät ins Deutsche übersetzt.

Holger Klatte, Sprecher des Vereins Deutsche Sprache, führt dies darauf zurück, dass Anglizismen moderner angesehen werden, auch wenn es einen deutschen Ausdruck gibt. Im Sportjargon wollen Menschen „moderner verstanden werden”, sagt Klatte.

Ist dies nun Übersetzungsfaulheit, Gedankenlosigkeit oder einfach nur Ausdruck moderner Sprachentwicklung? Die englische Sprache wurde schon immer im Sport benutzt. Dennoch kann man von einem nahezu inflationären Gebrauch von Anglizismen reden, auch in der Werbebranche.

Eigentlich ist nicht Englisch die Weltsprache, sondern gebrochenes Englisch. Jedes Land spricht seine eigene Version der Sprache, inklusive Neologismen und eigenartigem Akzent. Im Fußball waren die Englischkenntnisse von Spielern und Trainern schon immer bekannt für ihren Unterhaltungsfaktor. Klassiker von Lothar Matthäus und Andreas Möller („Vom Feeling her hab ich ein gutes Gefühl”) bieten ausgiebig Gesprächsstoff für Fußballrunden.

Der Begriff „Public Viewing” hat da schon höhere Weihen. Der Begriff wurde 2006 von der Fifa eingeführt. Seitdem können sich die Fans bei WM und EM kollektiv und öffentlich Fußballspiele der deutschen Mannschaft anschauen - Fußball als Massenereignis. Holger Klatte erklärt sich den Neologismus dadurch, dass „Neuerungen lieber auf Englisch ausgedrückt werden”. Deutsche Versionen wie zum Beispiel „Ö-TV” oder „Rudelgucken” konnten sich nicht durchsetzen und klingen auch ziemlich altmodisch.
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