Nur der Geist von Blinky Palermo: Trotzdem Kunst?

Von: Elke Silberer, dpa
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Wandbild von Blinky Palermo
An der "Installation aus zwei gegenüberliegenden Wänden" des Künstlers Morgan Fisher in Anlehnung an ein Wandbild von Blinky Palermo geht in Mönchengladbach eine Mitarbeiterin des Museums Abteiberg vorbei (Foto vom 13.01.2012). Alle Kunstwerke von Blinky Palermo sind verschwunden, bis auf ein Wandbild in einer leerstehenden Mönchengladbacher Textilfabrik. Foto: dpa

Mönchengladbach. Es ist die merkwürdige Geschichte mit diesem Kunstwerk, das streng genommen nicht mehr existiert. Und sie passt zu der schillernden Persönlichkeit des Künstlers Blinky Palermo (1943-1977), den sie heute noch James Dean der Kunstszene nennen.

27 Wandbilder malte er in seinem kurzen Leben - vergängliche Kunstwerke. Alle sind verschwunden, bis auf dieses Bild in einer leerstehenden Mönchengladbacher Textilfabrik. Obwohl man kaum noch etwas davon sieht, sind plötzlich alle ganz interessiert, die Medien und die Kunstszene. Auch die Immobilienleute kümmern sich.

„Die Wandmalerei von Blinky Palermo ist extrem wichtig, aber extrem abwesend”, sagt die städtische Museumsleiterin Susanne Titz, während sie mit der Taschenlampe zwischen Baudreck und Baumaterial den Treppenaufgang zum Hochparterre ausleuchtet. Früher wurden in dem über 100 Jahre alten Mönchengladbacher Denkmal Hemden produziert, jetzt entstehen hier Lofts und Appartements.

Alleine wäre man daran vorbeigelaufen - aber Titz ist schon x-mal mit Besuchern hier oben gewesen und bleibt in einem Raum vor der Wand stehen: Weiß, durchzogen von einem schwachen Relief - zwei horizontale Linien, die von einer vertikalen durchkreuzt werden. An einigen Stellen ist das Weiß abgeschabt. Darunter scheint die Originalfarbe hervor. Irgendein Banause hat nach dem Verkauf der Immobilie in den neunziger Jahren die Palermo-Farbgebung mit Weiß überpinselt. Das Wandbild ist wie eine Erinnerung an die Zeit, als Rolf Hoffmann von diesem Raum aus die Geschäfte der Hemdenmarke van Laack führte.

Hoffmann war Ästhet und er war Kunstsammler. 1970 hatte er die Firma vom Vater übernommen. Er kannte diesen schmalen, wortkargen Peter Heisterkamp, den Vertreter der Avantgarde, den Meisterschüler von Joseph Beuys. In der Kunstszene war er als Palermo bekannt, Freunde nannten ihn Blinky. Mit zerknautschtem Hut, Lederjacke und Sonnenbrille soll er einem italo-amerikanischen Boxkampfmanager mit dem Spitznamen Blinky ähnlich gesehen haben. Angeblich darum das Pseudonym.

Hoffmann machte aus seinem Büro ein Gesamtkunstwerk: Decke und Fußboden aus Edelstahl, ein Spiegel an der Rückwand mit zwei Nähten. Der befreundete Palermo band die bezugslose Wand mit drei farbigen Linien in den gesamten Raum ein. „Er hat den Raum mitgedacht”, sagt Titz. Ein typischer Palermo, irritierend schlicht. Nach dem Verkauf der Immobilie, nach 1992, passierte dann der Frevel mit der weißen Farbe.

Die Edelstahl-Elemente hängen noch immer an der Decke. Der Boden ist nackt. Der für Palermo so wichtige Bezugspunkt, der Spiegel mit den beiden Nähten, ist weg. „Die Arbeit in der Konzeption von Palermo ist Vergangenheit. Sie ist Geist, eine Erinnerung, eine Spur”, sagt die Leiterin des Museums, das zur Zeit eine Ausstellung des amerikanischen Künstlers Morgan Fisher zeigt, mit einem Werk, das mit der Wand in Beziehung steht.

Die Immobilienfirma, die das Objekt vermarktet, hat nach Gesprächen mit Kunstexperten entschieden, die Linien freizulegen. Letztlich ist das auch keine Rettung: Durch den Bau einer Loggia wird die Wand getrennt. Der Bezugsraum wäre dann ganz weg, der Palermo noch weniger Palermo als jetzt.

Auf die Loggia will die private Eigentümerin nicht verzichten. Das sei wichtig für die Vermietung. Auf der anderen Seite: „Ich fände das schade, wenn so etwas verschwinden würde”, sagt sie. Irgendwie seien sie und ihr Mann „in die Sache reingeschliddert”. Beim Kauf habe Palermo noch keine Rolle gespielt. Danach habe der Hype eingesetzt. Ratlosigkeit klingt durch. Am liebsten würden sie wieder verkaufen, an einen Kunstliebhaber.
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