Nicht unbedingt für Feinschmecker

Von: Pedro Obiera
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Große Besetzung im Aachener E
Große Besetzung im Aachener Eurogress: Mit dem Sinfonieorchester, dem Sinfonischen Chor, dem Opernchor und Solisten interpretierte GMD Marcus Bosch Beethovens „Neunte” beim Neujahrskonzert. Foto: Ralf Roeger

Aachen. In seiner letzten Spielzeit ist Aachens Generalmusikdirektor Marcus Bosch zu den Anfängen der von ihm geprägten Neujahrskonzerte zurückgekehrt und eröffnete das Jahr mit Beethovens „Neunter”.

Zwar ohne den „Einspruch” eines prominenten Redners vor dem Finalsatz, dafür aber als Überraschungsbonbons zum Abschluss mit dem „Kaiserwalzer” von Sohnemann Strauss und dem „Radetzky-Marsch” von Papa Strauss. Sehr zum Vergnügen des Publikums im restlos ausverkauften Eurogress. Beethovens Freiheits-Hymne verknüpfte Bosch mit Johann Strauss (Sohn) weniger bekanntem Walzer „Seid umschlungen, Millionen”, der außer dem Titel allerdings nichts mit Schillers Freimaurer-Ode zu tun hat.

Erstmals auf großer Bühne präsentierte sich im Vokalquartett der Beethoven-Symphonie die serbische Mezzosopranistin Sanja Radisic als neues Ensemblemitglied am Theater Aachen. Das phonstarke Getümmel des Schlusssatzes ist allerdings nicht unbedingt das geeignete Terrain, um einen Mezzo markant in Szene zu setzen. Warten wir also die Premiere von Verdis „Maskenball” im Februar für eine aussagekräftige Würdigung der Künstlerin ab.

Bosch servierte Beethovens symphonischen Schlusspunkt nicht gerade als Delikatesse für Feinschmecker. Mit forschem Vorwärtsdrang, über weite Strecken unausgewogenem Klangbild und längst nicht so fein phrasierend wie gewohnt absolvierte er beim ersten Konzert am Sonntag die klingende Langstrecke inklusive aller Wiederholungen in weniger als einer Stunde.

Gewaltritt

Damit bewegt er sich auf der Linie von Dirigenten wie Gardiner, die die mystischen Abgründe der Furtwängler-Tradition mit sportivem Elan und wenig Vibrato zu versachlichen versuchen. Allerdings gerät das Ganze schnell zu einem holprigen Gewaltritt, wenn man mit der dynamischen Spannweite so leichtfertig umgeht wie Bosch. Niemand muss aus dem Beginn des Kopfsatzes ein „Gebrodel des Werdens” oder überirdische Mächte heraushören: Aber die thematische Substanz aus einem klingenden Pianissimo heraus zu entwickeln, um Raum für die gewaltigen dynamischen Ausdehnungen gewinnen zu können, das ist unabdingbar. Ein „echtes” Pianissimo an der Grenze des Hörbaren war nicht in einem einzigen Takt zu hören. Statt dessen viel Halbherziges zwischen laut und mäßig leise auf einem zu hohen Grundpegel, so dass die Höhepunkte mit roher Kraft herausgestemmt werden mussten.

Das bekommt natürlich dem ohnehin lärmanfälligen Finalsatz besonders schlecht. Für den Chor verstärkt sich die Gefahr, die Grenze zum Gebrüll zu überschreiten, und auch die Solisten müssen mächtig aufdrehen, um sich durchsetzen zu können. Das ist schade, denn sowohl der Opernchor und der Sinfonische Chor als auch das prominent besetzte Solistenquartett taten im Wesentlichen ihr Bestes: die in den Höhen bisweilen in Bedrängnis geratene Irina Popova (Sopran), die unauffällig agierende Sanja Radisic und das stimmlich präsente Herren-Duo mit Thomas Mohr (Tenor) und Thomas Jesatko (Bass).

Insgesamt ein etwas grobschlächtiger Einstieg in Boschs kalendarisch letztes Amtsjahr. Das muss aber nicht so bleiben.
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