Neuer Generalmusikdirektor entfacht Liebesfeuer im Graben

Von: Armin Kaumanns
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Intensive Momente: Carmen (San
Intensive Momente: Carmen (Sanja Radisic) in der Umklammerung Don Josés (Jon Ketilsson).

Aachen. Als Kazem Abdullah dann endlich ins Licht der Bühne tritt, nach drei Stunden harter Arbeit im Orchestergraben, da hält es das jubelnde Publikum nicht mehr auf den Sitzen.

Mit Wohlwollen oder der unbedingten Sehnsucht, den richtigen Mann erwählt zu haben, ist diese Begeisterung für den neuen Generalmusikdirektor des Aachener Theaters allein nicht zu erklären. Da ist mehr passiert in den drei Stunden „Carmen”, die diesem Applaus vorausgegangen sind: So etwas wie ein Funke scheint übergesprungen zu sein, der nicht nur das Sinfonieorchester in Feuer gesetzt hat, sondern bis hinauf in den zweiten Rang die Herzen lodern lässt.

Bei alledem badet Abdullah eher schüchtern im Beifallssturm. Freundlich lächelnd, bescheiden seinem folgsamen Klangkörper applaudierend, steht er ein wenig fassungslos vor seinem Publikum, inmitten der Solisten und dem großen Chor. Willkommen in der Kaiserstadt!

Er kann aber auch leise

Ja, gerade die großen Gefühlsausbrüche, das Tschingderassabum der Ouvertüre, die Ohrwürmer der Partitur führt Abdullah zu stupender Wirkung. Da fliegen im Blech und Schlagwerk die Fetzen, bei den Streichern glühen die Drähte, rauchen die Fingerkuppen. Manchmal, selten, kommen dieser rauschhaften Klangvorstellung des dunkelhäutigen Amerikaners die Ansprüche der Sänger in die Quere, dann muss der Don José von Jon Ketilsson allzu sehr forcieren, die Carmen der Sanja Radisic über ihre Möglichkeiten agieren.

Doch die großen Chor-Tableaus, etwa die fulminant an der Rampe platzierte Stierkampf-Szene des letzten Aktes, hat man selten mit solcher Wucht erlebt. Abdullah kann aber auch leise. Oder virtuos. Dann knistert die Spannung im Holz und bei den Geigen, zackig, äußerst präzise und in festem, bisweilen atemberaubendem Tempo rauscht die Musik vorüber. Und selbst wenn das Bühnenpersonal bisweilen nicht ganz so fix bei der Sache ist, reißt Abdullahs Vitalität doch alles mit sich fort.

Dabei sprechen Regisseur Michael Helle, Ausstatter Hartmut Schörghofer und Kostümbildnerin Renate Schwietert eine eher kühle Sprache. Nichts da mit Zigeuner-Folklore, Lagerfeuer-Romantik oder bunt-bluttriefender Stierkampf-Show. Torero Escamillo ist eher ein smarter Geschäftsmann im weißen Sakko, das allerdings für den eifersüchtigen Don José dennoch ein rotes Tuch bedeutet. Die Carmen ist schon ganz schön verrucht, ein Rasseweib in kurzen, schwarzen Dessous. Aber eben nichts Vollbusiges in Öl für übers Ehebett, sondern eine von Sehnsucht nach Liebe und Freiheit berauschte moderne Frau.

Es ist mal wieder Helles Kunst, die Figuren glaubhaft zu zeichnen. Diese Carmen gewinnt ihre unbändige Kraft aus der Erfahrung von Gewalt, der sie als Frau, Arbeiterin, Clanmitglied ausgesetzt ist. Und Sanja Radisic, die in ihrer Mezzo-Partie neue stimmliche Gefilde erarbeitet hat, teils betörend französisch gefärbten, glühenden Ausdruck findet, verkörpert diese zum Untergang Bestimmte mit großer Intensität.

Viel Sex und Gewalt

Jon Ketilsson, als Don José Gast am Haus, ist ein Hüne, sein Tenor schwer, mit schönem Metall in der sicheren, selten forcierten Höhe. Schauspielerisch hat er nicht so viele Möglichkeiten. Gleichwohl glaubt man ihm den verführbaren Mann, auch die gewalttätigen Aspekte und die des Muttersöhnchens, das er nicht sein will. In den Duetten finden beide Protagonisten zu wunderbaren Momenten.

Die Bühne beharrt auf Sachlichkeit. Acht rote Säulen, die mit roten Stahlträgern ein Sheddach halten, bleiben, auch wenn sich die Eingangsszene vor der Zigarettenfabrik wandelt in Schmugglerkneipe, Zigeunerlager und Arena-Eingang. Links große Fensteröffnungen, rechts ein angedeuteter Nebenraum für Soldaten oder einen köstlich komischen Kneipier (Jorge Escobar). Wenige Requisiten, viel Platz zum Spielen.

Doch Helle gelingt nicht ganz so viel wie zuletzt beim „Figaro”: Bisweilen reichlich derb sind die Ausbrüche (alltäglicher) Gewalt, auch beim Handling mit den großen Menschenmassen des Chores (der ganz vorzüglich bei Stimme und körperlichem Ausdruck ist) hapert es. Allerdings hat die zeichenhafte Keil-Aufstellung ganz in Schwarz vor der Arena was: volle Attacke auf die Gänsehaut.

Ein bisschen viel wird mit einer Pistole gefuchtelt. Katharina Hagopian in der schwierigen, gegen Ende grandios gesungenen Partie der Micaëla muss sehr klischeehaft das Mädchen vom Lande geben. Und Escamillo, von Sam Handley sehr edel gesungen und gespielt, bleibt als Gutmensch doch ziemlich eindimensional. Überhaupt sieht Helle in Bizets „Carmen” reichlich viel Sex und Gewalt, beleuchtet wenig die Vorstellung von Freiheit, die das Geschehen so unselig in die Katastrophe treibt.

Sehenswert ist seine und seines Teams Arbeit dennoch. Dazu ist er viel zu sehr Theatermann mit Verständnis auch für die Feinheiten der vielen Nebenfiguren. Das Ensemble beweist sich auch hier als sehr gut eingespielte Mannschaft, die nicht zuletzt vom neuen „Trainer” am Taktstock zu einer Höchstleistung motiviert wurde.

Ein Lob wie dieses hat das Aachener Orchester wohl auch noch nie gehört

Wenn irgendjemand mal Sorgen gehabt haben sollte, ob und wie Kazem Abdullah beim Aachener Publikum ankommen würde: Spätestens seit Sonntagabend sollten sie endgültig vom Tisch sein. Schon bei den Kurpark Classix war der neue GMD gefeiert worden, beim Premierenempfang nach dem Saisonauftakt mit „Carmen” steigerte sich die Begeisterung noch einmal.

Der überschwängliche Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck kam aus dem Loben gar nicht mehr heraus: für Technik, Bühnenbild, Kostüme, Chor, Regieteam und die Solisten um „die neue Carmen” Sanja Radisic.

Und für Kazem Abdullah. Der bestand die Feuerprobe im Theater mit Bravour, seine Mischung aus Bescheidenheit, Offenheit, Charme und Professionalität kommt absolut authentisch herüber. Und wenn der US-Amerikaner sein Sektglas auf die Leistung „seines” Orchesters hebt, dann wird völlig selbstverständlich klar, dass dies keine pflichtschuldige Geste ist. Übrigens: Ein Lob wie „they really worked their ass off” haben die Aachener Musiker wohl auch noch nie gehört.

Weitere Aufführungen bis zum 30. März

Weitere Vorstellungen von „Carmen”: 22., 28. und 30. September, 7., 11., 13., 19. und 21. Oktober, 16. und 21. November, 14., 21. und 31. Dezember, 25. Januar, 28. Februar, 16. und 30. März.

Drei Stunden, eine Pause. In französischer Sprache mit Übertiteln. Gesprochene Dialoge auf Deutsch.

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