Nele Swanton: Irisch, belgisch und auch mal rebellisch

Von: Jenny Schmetz
Letzte Aktualisierung:
6571722.jpg
Rosarot dem Regen trotzen: Schauspielerin Nele Swanton auf dem Aachener Lousberg. Als kleine Hexe fliegt sie ab Freitag über den Blocksberg – im Familienstück des Aachener Theaters. Foto: Harald Krömer
6571029.jpg
Robert Seiler als Rabe Abraxas und Nele Swanton als Kleine Foto: Marie-Luise Manthei

Aachen. In der feuchten Wirklichkeit hilft leider kein Fingerschnipsen. Die kleine Hexe hätte jetzt sicherlich ein „Hokus-pokus Krö- tenei“ oder so auf den Lippen und – Schnipp! – würden Wäscheklammern oder zumindest ein paar weiße Mäuse vom Himmel regnen.

Aber hier sind's eindeutig nur Wassertropfen. Und Nele Swanton kann da gar nichts machen. „Ich habe doch nicht umsonst vier Wochen lang hexen geübt!“, sagt sie empört. Und es regnet weiter.

Keine Hexerei also. Nele Swanton spielt die kleine Hexe ja auch nur – auf der großen Bühne des Aachener Theaters. Und jetzt stiefelt sie hier nicht über den Blocksberg, sondern nur über den Lousberg. Ja, war so eine tolle Journalisten-Idee. Wald, ein bisschen Atmosphäre wie in Otfried Preußlers bekannter Kinderbuchwelt also. Und der Autor soll ja seine Geschichten beim Gehen ins Diktiergerät gesprochen haben. Warum also kein Spaziergang mit der Hauptdarstellerin des Familienstücks?

Deswegen trotzt Nele Swanton jetzt dem Regen. Ohne Murren geht sie durch Laub und Pfützen, ihr rosa Regenschirm und die weißen Gummistiefel mit Rosenblüten-Muster leuchten im nassen Schmuddelgrau. Und überm dicken Schal kriegt die Schauspielerin auch noch ein strahlendes Lächeln hin. Auch als sie nachdenkt: Waldatmosphäre auf der Aachener Bühne? „Na ja, es gibt einen Baum“, sagt sie kurz und trocken.

Wie ein Wasserfall sprudelt Nele Swanton nicht gerade. Aber die 27-Jährige gibt auf jede Frage bereitwillig Auskunft. Seit dieser Saison ist sie fest im Aachener Ensemble, seit August wohnt sie in Burtscheid, und von dort zieht es sie oft in die Natur („Ich laufe los und lande im Wald“). Das Unterwegssein gehört zu ihrem Leben.

Als Tochter einer Belgierin und eines Iren wurde Nele Swanton im irischen Waterford geboren und wuchs in einem Fischerstädtchen in der Nähe auf, „aus familiären Gründen“ ging's mit drei Jahren nach Antwerpen, mit vier nach Rottweil. Da hatte die kleine Nele dann ihren ersten großen Auftritt – als einer von Schneewittchens sieben Zwergen. „Das Allergrößte für mich: Ich durfte auf der Bühne Popcorn essen!“

Regietheater im Kindergarten – logische Folge: Theater-AG in der Grundschule und später Theater-Jugendclub. „Mit 17 habe ich mich freitags schon darauf gefreut, dass das Wochenende bald vorbei ist, um dienstags zum Jugendclub gehen zu können“, erinnert sich Swanton, die 2011 ihre Ausbildung an der privaten Arturo Schauspielschule in Köln beendet hat.

127 Jahre alt ist die kleine Hexe, für eine Hexe kein Alter. 100 Jahre jünger ist Nele Swanton, für eine Schauspielerin das beste Alter. Und für sie vielleicht besonders lange. Denn wenn man Nele Swanton mit ihren langen roten Haaren, Minirock und Strumpfhosen sieht, schiebt man den Gedanken an Pippi Langstrumpf schnell beiseite und glaubt: ein Teenager! „Ich muss noch oft meinen Ausweis zeigen“, bestätigt die Schauspielerin. Zum Beispiel beim Weinkaufen.

Wahrscheinlich hat die Anfängerin auch wegen ihres jungen Aussehens schon einige Erfahrungen im Kinder- und Jugendtheater gesammelt. Vorige Saison war sie als Ensemblemitglied des Westfälischen Landestheaters Neuss zum Beispiel im grünen Knuddelkostüm als Urmel unterwegs, und auch in Aachen hat sie bereits Kindermusiktheater gemacht: in der Titelrolle von „Schaf“, mit Wischmopp-Perücke auf dem Kopf.

Kindertheater – steckt Nele Swanton schon in dieser Schublade? „Nein!“, meint sie. Für Größere hat sie natürlich auch schon gespielt. Etwa in „Der goldene Drache“ in Aachen, demnächst dann in Ibsens „Nora“: allerdings das Kindermädchen. Die vor ihr liegenden 40 Vorstellungen des Weihnachtsstücks sieht die junge Schauspielerin jedenfalls nicht als Strafaufgabe an. Im Gegenteil: Sie freut sich drauf, sagt sie. „Kinder leben einfach die ganze Zeit mit“, bei Erwachsenen im Publikum sei es dagegen oft „erschreckend, wie wenig die reagieren“.

In eine Hexe hat sich Nele Swanton bisher noch nicht verwandelt – und „Die kleine Hexe“, den millionenfach verkauften und in fast 50 Sprachen übersetzten Klassiker, als Kind auch nicht gelesen. Verstaubt findet sie die Geschichte von 1957 nicht. „Es geht um Freundschaft, mutig sein, Ängste überwinden, für sich selbst herausfinden, was richtig und falsch ist“, sagt sie. „Diese Themen werden nicht alt.“

Für die Vorbereitung auf die Rolle konnte sie sich an ihren Kindheitserlebnissen orientieren, sagt Nele Swanton. „Ich war vorlaut und wild.“ In der Schule habe sie sich geprügelt und immer ihre Meinung gesagt. „Eigentlich stand in jedem Zeugnis: Gespräch erwünscht.“

Kneipenmusik und Kochkünste

Auch die kleine Hexe ist eine Rebellin. Die großen Hexen wollen, dass sie böse ist, doch sie will nur Gutes hexen. Aber die moralische Außenseiterin macht auch viel Quatsch, sie singt, fliegt auf ihrem Besen vier, fünf Meter hoch („Kein Problem, ich bin schwindelfrei“) – und tanzt sicherlich einen furiosen Hexentanz, oder? „Äh, ich bewege mich“, sagt Nele Swanton lachend. „Aber ich singe sehr gerne.“ Sopran, seit der ersten Klasse im Chor und auch schon mal in einer irischen Kneipe – wenn ihr Vater, ein Musiker, plötzlich ankündigt: „Nele singt jetzt was!“

Die Musik bildet einen „emotionalen Strang“ zu ihren Heimatländern. Das Essen einen anderen. „Ich koche viel irisch oder belgisch, etwa Shepherd‘s Pie oder Stoofvlees“, erzählt die Schauspielerin. Sogar in der Mittagspause zwischen den Proben kommt sie zum Kochen nach Hause.

In Aachen ist Nele Swanton jetzt erst mal angekommen, am Theater hat sie einen Zweijahresvertrag. Ein unsteter Job, ihr Freund ist ebenfalls Schauspieler, aber Angst vor Arbeitslosigkeit plagt sie nicht, sagt sie. „Ich werde nicht verhungern.“

Nach der Mittleren Reife war sie auch erst mal unterwegs. Im Freiwilligen Sozialen Jahr hat sie Behinderte betreut, in Irland Jugendtheater gemacht und gekellnert, während ihrer Kölner Ausbildung dann bei der grünen Jugend in Düsseldorf im Büro gearbeitet. „Irgendwie hält man sich immer über Wasser“, sagt Nele Swanton und stiefelt weiter trocken durch den Regen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert