Neil Young und Crazy Horse: Ein Quartett lässt es krachen

Von: Andreas Herkens
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Lasst uns rocken: Neil Young (Mitte) mit Gitarrist Frank „Poncho“ Sampedro (links) und Bassist Billy Talbot von Crazy Horse bei ihrem Auftritt in der Kölner Lanxess-Arena. Foto: Thomas Brill

Köln. Es scheppert, lärmt, sägt und fiept. Gewaltig drückt und wabert der Sound aus den Boxen durch die große Halle. Es ist nicht etwa eine junge avantgardistische Band, die hier versucht, Möglichkeiten auszuloten. Nein, es stehen vier ältere Herrschaften zwischen 64 und 70 auf der Bühne und lassen es mächtig krachen: Neil Young mit Crazy Horse.

Ein seltenes Erlebnis, und viele der 13.500 Zuschauer in der Kölner Lanxess-Arena sind elektrisiert an diesem denkwürdigen Konzertabend.

Neil Young – eine lebende Rocklegende. Der Mann mit der unverkennbaren Stimme spielte schon in Woodstock. Und war danach bis heute nie weg vom Fenster. Ein Querkopf, der sich musikalisch nie irgendwelchen Erwartungen anpasste, der immer wieder mit Kehrtwendungen überraschte und seine Musiker sowie auch seine Fans das eine oder andere Mal vor Geduldsproben stellte. Wohl kein bequemer Zeitgenosse, der jedoch der Musikwelt große Songs und große Alben bescherte.

In unregelmäßigen Abständen arbeitete der heute 67-Jährige mit der Band Crazy Horse zusammen. Im vorigen Jahr wartete das Gespann gleich mit zwei großartigen Alben auf: „Americana“ mit eigenwillig interpretierten klassischen amerikanischen Folk-Songs und das hochgelobte Doppelpack „Psychedelic Pill“. Dort zeigten sich Young und Crazy Horse einmal mehr in Hochform – keine Spur von Altersmüdigkeit. Wie nun auch am Wochenende in Köln.

Ungehobelt und laut

Dieses Quartett steht nicht für filigrane Klänge. Das war noch nie so. Hier geht es vielmehr ungehobelt und laut zu. Bei den Gitarren-Breitseiten kommt es nicht auf Sauberkeit an, es zählen die Authentizität, die Energie und irgendwie die Gesamtstimmung. Handarbeit im besten Sinne. So stehen Young mit umgeschnallter Gitarre, Gitarrist Frank „Poncho“ Sampedro (mit 64 der Jüngste in dieser Runde) und Bassist Billy Talbot (69) immer wieder vor Schlagzeuger Ralph Molina (70) eng zusammen und spielen sich mit langen Improvisationen in eine Art Rausch. Und Rückkopplungen dürfen in diesem Energiesturm natürlich auch nicht fehlen. Mehr noch: Sie gehören einfach dazu . . .

Die zweieinviertel Stunden Musik beginnen mit „Love And Only Love“ vom Album „Ragged Glory“ (1990). Eine eingängige Melodie, der die schroffen Gitarren kräftig zusetzen. Ja, so ist es halt bei diesem Vierer. Und es endet grandios. Mit „My, My, Hey, Hey“ und anschließend drei Zugaben, zum Abschluss das frühe „Everybody Knows This Is Nowhere“. Die Menschen auf den Rängen stehen und jubeln . . . „Like A Hurricane“, von vielen als Zugabe erwartet, lässt der Meister aus. Aber na ja, bei diesem riesigen Repertoire mit seinen vielen Klassikern kann man eh nicht alles hören.

Immerhin gibt es „Cinnamon Girl“ und eine knallige Version von „Mr. Soul“. Und auch das Showkonzept nimmt wieder Bezug auf einen Klassiker: „Rust Never Sleeps“. Bei diesen Konzerten wuselten seinerzeit in lange Kutten gewandete Bühnenarbeiter durchs Geschehen. Jetzt haben sie weiße Kittel und Perücken an, aber das Prinzip ist das Gleiche. Auch das riesige Mikrofon und die Kistenverkleidungen sind wieder da. Eröffnet wird die Show übrigens mit – der deutschen Nationalhymne.

Apropos hören: Einmal kann man auch das Publikum singen hören – ansonsten ist das unmöglich bei diesem Phon-Gewitter: als Young die akustische Gitarre umhängt und seinen Evergreen „Heart Of Gold“ und dann auch Bob Dylans „Blowine_SSRq In The Wind“ anstimmt. Das ist die andere Seite des Kanadiers. Zarte Klänge, dazu die brüchige Stimme. Augenblicke zum Durchatmen – Gänsehautmomente. Um dann kurz darauf wieder zum eigentlichen Auftrag von Crazy Horse überzugehen.

Hypnoseartige Sphären

Der äußert sich etwa auch in zwei langen Stücken von „Psychedelic Pill“: „Walk Like A Giant“ mit dem mehrmals auftauchenden gepfiffenen Melodiebogen und „Ramada Inn“ mit seinem schon fast naiv wirkenden Refrain. Genügend Zeit, um sich die Bälle gegenseitig zuzuspielen, um in Wiederholungsschleifen in hypnoseartige Sphären zu driften, aber ebenso immer wieder mit beiden Beinen auf dem Boden aufzukommen.

Es sind einfach mitreißende Wechselbäder. Und es ist schön zu sehen, mitzuerleben, wie die vier Herren, die so ein dickes Stück Rock-Historie verkörpern, bei der Sache sind, Spaß haben, Spielfreude ohne Ende zeigen. Am Schluss umarmen sie sich und feixen sogar. Und Neil Young, der zuvor gerade mal ein „Thank You“ fürs Auditorium übrig hatte, hält tatsächlich eine kleine Ansprache, bittet darum, vorsichtig nach Hause zu fahren, spricht von einem Wiedersehen.

Schön wär’s! Denn dieses Konzert hat gezeigt: Das verrückte Pferd galoppiert munter weiter. Wenn das irgendwann mal nicht mehr so ist, wird etwas fehlen . . .

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