Radarfallen Blitzen Freisteller

Nach dem reinen Lustprinzip

Von: Michael Loesl
Letzte Aktualisierung:
beatsteaksbild
Von wegen Wartesaal: Die Beatsteaks - Peter Baumann, Torsten Scholz, Arnim Teutoburg-Weiß, Bernd Kurtzke und Thomas Götz (von links) - brechen zu neuen Ufern auf, wie ihr Album „Boombox” zeigt, das am kommenden Freitag erscheint. Foto: Alexander Gnädinger

Aachen. „Wenn das Publikum irgendetwas von uns erwartet, dann ist es vermutlich Ehrlichkeit”, antwortet Beatsteaks-Bassist Torsten Scholz auf die Frage, wie spürbar der Erfolgsdruck beim Aufnehmen des neuen Albums „Boombox” gewesen sei, das am kommenden Freitag erscheint.

Immerhin gelang der Band aus Berlin mit ihren vorigen beiden Alben „Smack Smash” und „Limbo Messiah” der Durchbruch in den Mainstream-Bereich.

Scholz verschweigt allerdings geflissentlich die Stilrichtung, die man von den Beatsteaks erwartet: den „Rock”. Letztlich kann der Begriff zwar nichts dafür. Aber was zu viel ist, ist zu viel, findet Gitarrist Peter Baumann. An allen Ecken werde „gerockt”, Bands „rocken ihr Publikum”, und ausgerechnet die Beatsteaks, die im Ärzte-Hit „Unrockbar” als Gegengift zum Konsens-Pop genannt wurden, gehen auf Distanz zum Rock. „Der Mut fehlt oft, finde ich”, lamentiert Baumann genüsslich. „Das Genre war mal sehr spannend. Jetzt setzt man mit dem Wort eine Einheitssauce gleich.”

Die fünf Berliner Beatbuletten sind zwar nicht angetreten, um den Rock zu retten, aber mit ihrem neuen Album ergreifen sie trotzdem das Wort dafür, dass Rockmusik nach der modernen Auffassung immer gleichförmig, nach bestimmten Kriterien geformt und letztlich langweilig klingen muss. Natürlich nicht mit der Brechstange, sondern weil ihnen gerade danach ist. Melodischer, direkter und deutlich songorientierter als auf ihrer vorigen Platte gingen die Berliner diesmal ans Werk.

Das „englische Element” - die Erinnerungen an die Großtaten derjenigen von der Insel, die der Popmusik nachhaltige Impulse gaben - findet bei der ersten Begegnung mit „Boombox” den Weg ins Ohr. Die melodischen Feinsinnigkeiten, die Gesangsart von Sänger Arnim Teutoburg-Weiß und die eingestreuten Ska-Elemente machen die Verbeugungen vor der englischen Band XTC perfekt. Die Wahl des Mixing- und Mastering-Technikers von „Boombox” fiel nicht zufällig auf Nick Launay, der schon mit XTC und Kate Bush gearbeitet hatte und in den vergangenen Jahren mit seinen Arbeiten für Arcade Fire Erfolge feierte. „Der ist auf jeden Fall schuld daran, dass unsere neue Platte noch krasser nach dem englischen Element klingt. Die 80er Jahre sind voll drin in der Platte”, grummelt Torsten Scholz.

Allerdings! „Cheap Comments” enthält Reminiszenzen an Jello Biafra, die Thompson Twins und Talking Heads, deren Pop-Auffassungen nur eine Haustür von XTC entfernt lagen. „Der Vergleich mit XTC ist ein totales Kompliment”, meint Scholz und setzt zur Erheiterung der Interview-Runde noch einen drauf. „Besser, als wenn uns jemand sagen würde, wir klängen nach Nickelback oder Three Doors Down oder irgendso einem Mist.”

Die Beatsteaks-Delegation besteht während des Interview-Marathons in Köln nicht aus der ganzen Band, weil Sänger Arnim und Drummer Thomas Götz noch mit den finalen Mixen des Albums beschäftigt sind. Egal, kaum eine Band agiert hierzulande derzeit uneitler als die Beatsteaks. Trotz ihres beachtlichen Erfolgs produziert die Truppe nur die Musik, die ihr gefällt. Und das auch nur, wenn ihr der Sinn danach steht. In Zeiten klammer Kassen in der Musikindustrie ist das ein Luxus, der andererseits für die fünf Musiker überlebenswichtiges Elixier ist.

Wegweisende Pop-Platte

Gerade das spontane, unbedarfte und mithin auch selbstironische Element macht vor allem „Boombox” zu einer wegweisenden Pop-Platte. „Letztlich lautet eine Maxime von uns, dass wir möglichst keine Wiederholungen in unserer Musik erleben wollen”, sagt Gitarrist Bernd Kurtzke. Natürlich finden sich nicht plötzlich Walgesänge oder Blockflötentöne auf „Boombox”. Aber den gleichen Song zweimal zu schreiben, kommt bei den Beatsteaks nicht in die Tüte, auch wenn sie ihrer Rock-Sozialisation treu bleiben. Nach der Knalltüte „Limbo Messiah” folgt die Kür mit den neuen Songs. Denn Krach machen können viele. Herausragende Songs zimmern, können schon sehr viel weniger Bands. Die Beatsteaks können es. Auf „Boombox” sogar nach dem reinen Lustprinzip.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert