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Nach 30 Jahren Comeback in der alten Heimat Aachen

Von: Günter H. Jekubzik
Letzte Aktualisierung:
Dichter Vollbart, schwere Bril
Dichter Vollbart, schwere Brille: Verstecken muss sich Jan Schomburg sicherlich nicht. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Beflügelt von positiven Reaktionen ist Jan Schomburg in seine Geburtsstadt Aachen gekommen, um im Apollo „Über uns das All” zu präsentieren. Sein Spielfilm-Debüt beeindruckt mit ebenso berühmten wie exzellenten Darstellern: Sandra Hüller („Requiem”,„Brownian Movement”) und Georg Friedrich („Mein liebster Feind”), dessen Film „Faust” gerade den Goldenen Löwen in Venedig erhielt.

Auf den ersten Blick meint man, da will sich jemand hinter dichtem Vollbart und schwarzer, schwerer Brille verstecken. Doch ein breites, offenes Lachen zeigt: Hier ist einer ganz zufrieden mit der Rolle, als Debütant durch NRW-Städte zu ziehen. Die Tour begann schon bei der Berlinale im Februar, wo die von der Filmstiftung NRW geförderte WDR-Produktion den „Prix Europa Cinemas” erhielt. Und setzt sich in ein paar Tagen in Berlin fort. Dann will Schomburg bundesweit sehen, wie der Film ankommt und welche Interpretationen es zum Titel gibt.

„Es macht total Spaß zu hören, was die Zuschauer sagen und was sie für Fragen stellen.” Schomburg zeigt vor der Vorstellung im Café noch keine Zeichen von Müdigkeit. Der Titel regt zum Rätseln an, genau wie der Rest des Films, in dem eine Frau nach dem Selbstmord ihres Mannes entdeckt, dass dessen Leben eine komplette Lüge war. Jan Schomburg interessierte eine „Faszination für Situationen im Leben, in denen unvermittelt die komplette Vergangenheit sich umdeutet, in denen alles, was man für unumstößlich hielt, zu einer vagen, formlosen Masse wird”.

16 Jahre lang, fast die Hälfte seines Lebens, trug der nun 36-Jährige die Idee zum Film mit sich herum. „Sie ist immer mehr gereift im Hinterkopf: Es hat mich immer wieder bewegt, dass man mit jemandem zusammenlebt, den man zu kennen glaubt und plötzlich merkt, dass man ihn nicht kennt.” Dies alles muss im Film Sandra Hüller in ihrem Gesicht ausdrücken. Eine sehr passende Rolle, doch Schomburg ist relativ spät auf sie gekommen. Er kannte ihre Filme, fand sie aber immer „zu unmittelbar und real”. Dann standen sie zufällig zusammen auf einer Party und er wusste: „Das muss die Martha sein!” Die Arbeit mit den Schauspielern verlief ungewöhnlich sorgfältig, der Regisseur probte viel ohne Kamera: „Es geht darum, im Vorfeld ein vertrauensvolles und intimes Verhältnis zueinander zu entwickeln, damit man diesen ja oft sehr anstrengenden Weg gemeinsam gehen kann.”

Souverän und verlegen

So macht es auch der Brite Mike Leigh, der ist aber schon 68 und hat mit zig Filmen viele große Preise gewonnen. Überhaupt wirkt Schomburg, der selbst die Filme von Dominik Graf schätzt, sehr souverän bei der Film(presse)-Arbeit, ohne Abgedroschenes abzusondern. Erst nach der Frage, welcher Teil des Filmemachens ihm am meisten liege, wo er am besten sei, wird der Regisseur um glatte 20 Jahre unsicherer, verlegen und windet sich nicht nur in der Antwort, sondern auch körperlich.

Als Ergebnis der intensiven Vorbereitung nimmt man der Figur Martha schließlich auch ab, dass sie, statt zu trauern, einen ganz anderen Mann an die Stelle des Verstorbenen setzt und ihr altes Leben quasi kopiert. Eine seltsame Duplizität stellt der kluge Film selbst dar: Es gibt tatsächlich noch einen Regisseur mit Vornamen Jan, der auch aus Aachen stammt und einen Film über einen Arzt gedreht hat, der sich in Marseille umgebracht hat sowie über eine Frau, die entdeckt, dass sie über diesen Mann nichts wusste. Der andere Film heißt jedoch „Auf der Suche” und stammt von Jan Krüger, den Jan Schomburg vom Studium an der Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln sogar persönlich kennt. Doch beide Projekte entstanden vollkommen unabhängig.

Es war auch ein seltsamer Zufall, der zu Jan Schomburgs Geburt in Aachen führte. Sein Vater studierte in Aachen, fand seine Frau aber aufgrund des Frauenmangels an der Technischen Hochschule vor einem Schwarzen Brett in Köln. Der kleine Schomburg ging noch in die erste Klasse der Grundschule in der Ahornstraße, bevor er mit sechs Jahren nach Hamburg zog. Schon früh schrieb er Geschichten, später kam die Begeisterung für Fotos hinzu und mit 16 ein erster Film auf Super 8, was schon damals ziemlich „retro” war. Nach einem Studium an der Kunsthochschule Kassel folgte die KHM in Köln, wo er noch immer lebt und arbeitet.

Sein nächster Film dreht sich „um eine Frau, die ihre Erinnerung komplett verliert, und der Mann bringt ihr bei, wer sie eigentlich war. Man kann einer Identität beim Wachsen zusehen.” Ab heute kann man diesem ebenso talentierten wie sympathischen Regisseur beim „Wachsen” seiner Karriere zusehen.
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